Der Zarathustra ist ein Schöpfungsakt, den Nietzsche im Ecce homo mit großer Emotion beschrieben hat: „Der Begriff Offenbarung, dass plötzlich mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, – ich habe nie eine Wahl gehabt.“

Und dann die Musik! Musik – das ist, neben der Philosophie, Nietzsches Leidenschaft. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ – das ist sein Motto. Ohne Musik ist die Person Nietzsche undenkbar. Ebenfalls im Ecce homo schreibt er: „Rechne ich von diesem Tage ein paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; -“

Wenn man sich über Nietzsche ein Bild macht, so wird man am Anfang stets mit seiner „Einsamkeit“ konfrontiert. Er sei ein einsamer Denker gewesen, quasi abgeschnitten von den geistigen Strömungen seiner Zeit (aber dann auch wieder nicht so abgeschnitten, dass man ihn später, sozusagen als posthume Ehrung, zum Ahnherrn des Faschismus machen wollte). Aber weder taugt er zum Ahnherrn des Faschismus, noch war er dieser vereinsamte Denker, als den man ihn gern stilisiert hat. Ganz im Gegenteil stand er mit zahlreichen europäischen Denkern in Kontakt, tauschte sich mit manchen aus und war an den Orten seines Aufenthalts, Nizza, Genua oder Sils-Maria, schon so eine Art Fremdenverkehrsattraktion, Stets sammelte sich ein Kreis von Bewunderern, dessen unbestrittener Mittelpunkt er war. Oftmals setzte er sich ans Klavier, um frei phantasierend zu spielten, und man äußerte sich durchweg überschwänglich lobend über sein gutes Spiel. Die ihm angedichtete Einsamkeit mag aber trotzdem existiert haben, wenn auch nicht auf diesem Gebiete des Umgangs. Es war wohl die regelrechte Missachtung der „Fachwelt“, die ihn traf und zu Schaffen machte. So war Deutschland, das doch geliebte Vaterland, zugleich das  geistige Flachland Europas für ihn.

Ein Leuchtturm in dieser geistigen Öde war für ihn in den ersten Jahren seines Schaffens Richard Wagner. In ihm sah er die Kraft, die in der Lage sein würde, Deutschland zu erwecken. Er lernte Wagner, der sich auf Besuch bei seiner Schwester in Leipzig befand, dort am 8. November 1868 bei Prof. Brockhaus kennen. Wagner lebte in der Schweiz, in Triebschen, eine Folge seiner Beteiligung an der Revolution von 1848, die ihn ins Exil trieb und zwang, nur incognito in seine alte Heimat zu reisen. In einen Brief an seinen Freund Rohde vom 9. November berichtete Nietzsche ausführlich und völlig aufgewühlt von der Begegnung. Als Nietzsche dann zum Professor der Philologie an die Universität nach Basel berufen wurde (mit nur 24 Jahren und noch vor seiner Promovierung zum Doktor, was wohl einiges über seine fachliche Qualifikation aussagt), besuchte er die Wagners, was dann zu einer Vertiefung des Kontakts führte. Triebschen, am Vierwaldstättersee gelegen, wurde für ihn zur „Insel der Glückseligen“. So ist es verständlich, dass Nietzsche sein erstes veröffentlichtes  Buch, „Die Geburt der Tragödie“, mit einem Vorwort an R. Wagner versah.

Ich bin auf diesen Teil von Nietzsches Biographie deshalb näher eingegangen, weil hier die Wurzeln für Nietzsches Verhältnis zur Musik deutlich werden. Und hier wird deutlich, warum Nietzsche Wagner so leidenschaftlich angriff. Die ganze Hoffnung, die er in ihn gesetzt hatte, schwand, als das Festspielhaus in Bayreuth eröffnet wurde. Plötzlich wurde ihm klar, dass Wagner seinen Frieden mit all denen gemacht hatte, die Nietzsche schon damals mit sehr kritischen Augen betrachtete – und, was für Ihn das Schlimmste war, er hatte Frieden auch mit der Kirche geschlossen, war selbst Oberkirchenrat geworden. Als Bayreuth eingeweiht wurde, war der Hochadel fast ganz Europas versammelt, Kaiser Wilhelm gab sich die Ehre, und selbst der Kaiser von Brasilien war angereist. Da hatte man keine Zeit, sich um einen jungen Professor aus Basel zu kümmern. Noch vor Eröffnung des Hauses reiste Nietzsche ab.

Ein letztes persönliches Zusammentreffen mit den Wagners findet in Sorrent statt, wo Nietzsche, zwei Freunde sowie seine mütterliche Freundin Malvida von Meyenbug von Ende Oktober 1876 bis 8.Mai 1877 Quartier nehmen.

Die Entfremdung aber hatte schon eingesetzt. Der Bruch mit Wagner war kein plötzlicher, sondern ein sich lang hinziehender Prozess, über den Tod Wagners hinaus. Noch im Januar 1882 schreibt er seinem Freund Overbeck: „Ich selber habe Wagner’s zu nahe gestanden, als daß ich ohne eine Art von ‚Wiederherstellung’ … als einfacher Feriengast dort erscheinen könnte. Zu dieser Wiederherstellung, die natürlich von Wagner selbst ausgehen müßte, ist aber keine Aussicht; und ich wünsche sie nicht einmal.“ Und an Malvida v. Meysenbug, die Zeit ihres Lebens treue Wagnerianerin blieb und bei den Wagners auch immer willkommen war, schreibt er im März 1882: „Die Vorstellung dass Wagner einmal geglaubt haben kann, ich theile seine Meinungen, macht mich jetzt erröthen.“ Und im Ecce homo heißt es: „ … die Schlusspartie [vom Zarathustra], dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb.“

Was nun den Zarathustra anbelangt, schwankt Nietzsche am Anfang, wenn es um seine Einordnung geht. An seinen Verlager schreibt er: „Es ist eine Dichtung, oder ein fünftes ‚Evangelium’ oder irgend Etwas, für das es noch keinen Namen giebt …“.

Was überhaupt ist der Zarathustra? Ist er ein Stück Literatur oder Philosophie? Ist Zarathustra ein Prophet? Und was ist das Buch als solches selbst? Nietzsche schreibt am 1. Februar 1883 an Gast: „Mit diesem Buch bin ich in einen neuen „Ring“ eingetreten“, und am 2. April: „Unter welche Rubrik gehört eigentlich dieser Zarathustra? Ich glaube beinahe, unter die ‚Symphonien’“. Und fast ein Jahr später, am 6. Februar 1884, nach Vollendung des 3. Teils, teilt er seinem Freund Overbeck mit: „Übrigens ist der ganze Zarathustra eine Explosion von Kräften, die Jahrzehnte lang sich angehäuft haben: bei solchen Explosionen kann der Urheber leicht selber mit in die Luft gehen. Mir ist öfter so zu Muthe: – das will ich Dir nicht verbergen. Und ich weiß im Voraus: wenn Du aus dem Finale ersehen wirst, was mit der ganzen Symphonie eigentlich gesagt werden soll (- sehr artistisch und schrittweise, wie man etwa einen Thurm baut), – so wirst auch Du, mein alter treuer Freund, einen heillosen Schrecken und Schauder nicht überwinden können.“

Was der Zarathustra nicht ich, sagt Nietzsche ebenfalls ganz klar: „Hier redet kein „Prophet“, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt -“.“ Zarathustra ist kein Prophet, sondern er ist ein Erzieher – ein Erzieher hin zum Übermenschen.

Der Komponist nimmt die Musik aus dem Medium, in dem sie sich entfaltet, also aus der Zeit, heraus und macht sie zu einer – als Partitur greifbaren – Kategorie von Raum. Wenn man von großer Architektur gesagt hat, sie sei „gefrorene Musik“ (Schelling), dann kann man von komponierter Musik sagen, sie sei „tönende Architektur“. Und wenn Nietzsche sagt, sein Zarathustra sei „wie ein Turm“ erbaut, dann kann man ihn in Musik zurückübersetzen.

Und natürlich darf man eine andere Seite der Musik nicht außer Acht lassen: den zu ihr gehörenden Tanz. In „Der Fall Wagner“ umschreibt Nietzsche seinen Widerspruch zu Wagner wiefolgt: „… la gaya scienza; die leichten Füße; Witz, Feuer, Anmut; die große Logik; den Tanz der Sterne; die übermütige Geistigkeit; die Lichtschauder des Südens; das glatte Meer – Vollkommenheit …“ Und im Zarathustra heißt es: „Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.“ Einige Zeilen weiter: „Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.“

F. Capra, ein in den 70er Jahren sehr bekannter Autor und Physiker sowie Vordenker des New Age, schrieb im Vorwort zu seinem Buch „Das Tao der Physik“: „Als ich an diesem Strand saß, gewannen meine früheren Experimente Leben. Ich ‚sah’ förmlich, wie aus dem Weltraum Energie in Kaskaden herabkam und ihre Teilchen rhythmisch erzeugt und zerstört wurden. Ich ‚sah’ die Atome der Elemente und die meines Körpers als Teil dieses kosmischen Energie-Tanzes; ich fühlte seinen Rhythmus und ‚hörte’ seinen Klang, und in diesem Augenblick wusste ich, daß dies der Tanz Shivas war, des Gottes der Tänzer, den die Hindus verehren.“

Nietzsche selbst träumt vom „südlichsten Süden“, dort „wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen“, und wohl auch deshalb setzt er Wagner seine Leidenschaft für Bizets „Carmen“ entgegen. Mit Musik und Tanz versucht Zarathustra also diese Leichtigkeit zu erzeugen, die ihm nötig scheint, um den Menschen von den Fesseln der Zeit, in der er lebt, zu befreien.

Denn Zarathustra ist nicht nur Erzieher, er ist auch ein Verkünder: der Verkünder der ewigen Wiederkunft des Gleichen und des Übermenschen. Aber auch hier weist er sich als Lehrer aus und nicht als Prophet: „Ich lehre euch den Übermenschen“ – das ist seine Sendung, das ist sein Ziel. Das 1. Buch der „Fröhlichen Wissenschaft“ beginnt mit dem Kapitel „Die Lehrer vom Zwecke des Daseins“, in dem es heißt: „Der Mensch ist allmählich zu einem phantastischen Tiere geworden, welches eine Existenz-Bedingung mehr als jedes andre Tier zu erfüllen hat: der Mensch muß von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existiert, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben!“ Und Zarathustra setzt der Menschheit ein neues Ziel, das sie in die Lage versetzt, das Zeitalter des Nihilismus zu überwinden. Er erfüllt also ein Grundbedürfnis der Menschen, denn andernfalls versinkt er in Mittelmäßigkeit, triumphiert die Herde über die Ausnahme. Das wäre dann die Zeit des letzten Menschen, wie ihn Zarathustra beschreibt.

Wer sich dem Zarathustra nähert, wer ihn ganz verstehen will, muss sich zuerst einmal auf seinen Rhythmus einlassen, muss die unendliche Tiefe dessen, was er uns vermitteln will, erfassen:

„Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag -“

Werde, der du bist! Es ist das Motto des Pindar, eines großen griechischen Erziehers der Antike, und zugleich das des Zarathustra. Denn nur so kann sich die Persönlichkeit des Menschen entfalten, denn ohne eigene Persönlichkeit wird der Mensch nie in der Lage sein, sich wirklich zu entwickeln. Der Weg des Schaffenden ist zuerst der Weg zum eigenen Ich. „Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber. Und an dir selber führt dein Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln.“ Es ist wohl das Schwerste im Prozess des Werdens, eine wirkliche Persönlichkeit herauszubilden – übrigens ein Prozess, der im Leben nie endet. Zarathustra kann uns da wertvolle Hinweise geben – aber man muss sich hüten, denn wie heißt es bei Zarathustra: „Ich bin ein Geländer am Strome, fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krücke aber bin ich nicht. -“

Also sprach Zarathustra.