
Die Starken der Zukunft
Mechanik der Entwicklung
Bevor wir uns dem Krieger als solchen zuwenden, möchte ich hier einen Grundgedanken skizzieren, der nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Urprinzip des Fortschritts darstellt. Ich meine hier die antagonistischen Kräfte, die den Prozess im Gang halten, den wir Fortschritt nennen.
Wohin man schaut, sind es widerstreitende Ideen, die diese Mechanik wie Pendel einer Uhr in Gang halten. Aber man darf sich nicht täuschen, es handelt sich hier keineswegs um ein perpetuum mobile, als etwas also, das sich immer selbst in Bewegung hält, ohne dass die Gefahr bestände, es könne zum Stillstand kommen. Lange Zeiten hindurch war es ein geruhsamer Schlag. In Griechenland wie auch im Rom der Expansionszeit streite die Ideen in ziemlich überschaubaren Grenzen gegeneinander: es waren dies Vorstellungen von Aristokratie um Volksherrschaft, Imperium und Republik. Ökonomische Kräfte waren auch damals schon vorhanden, besaßen aber nicht annähernd den Stellenwert, der ihnen heute zugemessen werden muss.
In christlicher Zeit waren es Kaiser und Papst, Kirche und Landesfürsten, Adel und Bauernschaft, freie Städte und Länder, die gegen- und miteinander stritten. Aus dieser Zeit stammt der Satz: „Stadtluft macht frei“. Gegenüber dem Landvolk, den Bauern und dem dort ansässigen Adel, waren die Städter aufgeklärt, frei und informiert. Davor besaß die Kirche dieses Monopol von Bildung und Wissen; ihre Klöster waren die „Städte“ dieser Zeit.
Neben diesen sich bildenden und vergehenden Parteiungen standen sich auch stets zwei Archetypen gegenüber: der Bürger (gleich, wie man diesen Stand durch die Zeit hin bezeichnet hat) und der Krieger. Beide, Bürger und Krieger, sind Idealisierungen. Und sie sind künstlich erzeugt worden. Es gibt noch eine dritte große Gruppierung in der Geschichte, eben so künstlich und eben so mächtig: den Proletarier. Um diesen Mechanismus der Idealisierung zu verdeutlichen, wende ich mich nun der Entwicklung seid der Französischen Revolution zu. Diese Revolution, von den Zeitgenossen auch „die Große Revolution“ genannt, war nicht nur einfach ein geschichtlicher Bruch, wie es ihn schon oft gegeben hatte. Sie war, und es ist Kant, der es als einer der ersten deutlich spürte, eine Zeitenwende. Lange, sehr lange hat es gebraucht, um bis zu diesen Punkt zu gelangen. Die Vorbereitung erstreckte sich über Jahrhunderte. Die neuen Ideen wurden von Denkern wie Montaigne, Pascal, Erasmus, Voltaire, Rousseau und den Enzyklopädisten von Port Royal vorbereitet. Den Boden aber bereitete bereits die Renaissance. Und als das Ereignis dann eintrat, mit einer Wucht und Durchschlagskraft, wie wohl niemand sie erwarten und voraussehen konnte, veränderte sich der Lauf der Welt. Nicht nur Frankreich oder Europa, nein, die ganze Welt wurde von dem Beben erschüttert, das in Paris sein Epizentrum hatte. Und hier, in diesem Chaos, betrat er die Bühne der Weltgeschichte: der Proletarier.
Warum, wird man fragen, ist er so wichtig? Was spielt er hier für eine Rolle? Nun – er ist es, der das Pendel wild zum Schwingen bringt. Plötzlich erhält der Fortschritt eine Dynamik, die man sich nie hatte vorstellen können. Durch Marx, Engels, Kautsky, Lenin, Trotzki, die feinsinnigen Anarchisten usw. – durch sie wird nicht nur die Ideologisierung, sondern ganz entscheidend auch die Idealisierung des Proletariers vollzogen. Niemand vorher hatte in der Arbeiterschaft, in dem, was man im vorrevolutionären Frankreich den vierten Stand nannte, eine eigene Kraft gesehen. Nun plötzlich, in der Revolution zum ersten Mal wahrgenommen und in der Studierstube von Marx zurechtgeschmiedet, erschien er als Subjekt der Geschichte, als ihr Vollender, als anscheinend ewiger Widerpart der Bourgeoisie. Die große Leistung von Marx besteht nämlich nicht darin, das Kapital analysiert oder den Mehrwert definiert zu haben – sie besteht darin, eine Kampfmaschine geschaffen zu haben, sozusagen aus Fragmenten konstruiert, die sich vorher ihrer Zusammengehörigkeit noch nicht bewusst waren, um daraus „das Proletariat“ zu bilden. Und wenn man sich nun die Geschichte der Jahre seit der französischen Revolution betrachtet, welcher Begriff hätte mehr Schlagkraft, Macht, Wirksamkeit und Willen zur Macht repräsentiert als der des Proletariats? Zumal es Marx verstand, diesem Begriff einen ideologischen Überbau zu schaffen, seinesgleichen die Welt bis dahin nicht kannte. Das Proletariat verkörpert nicht nur eine Kraft, die Gerechtigkeit für die Unterprivilegierten einfordert, sondern nimmt für sich in Anspruch, die Menschheit in das Paradies zu führen, in dem alle Klassengegensätze aufgehoben sein werden. Deshalb auch Max’ens Satz „Religion ist Opium für das Volk“. Man war selber Religion für’s Volk, und da ein wirklicher Gott keine Götter neben sich dulden kann, mussten die anderen Religionen vernichtet werden. Es ist nur eine bekannte Tatsache, die ich hier ausspreche, wenn ich anmerke, dass der Kommunismus nie atheistisch war und ist; er verwirft auch die Religion als solche nicht – er verwirft nur die anderen Religionen, um sich an ihre Stelle zu setzen.
Es gibt noch einen Versuch, ein Subjekt der Geschichte zu schaffen: der Arbeiter. Diesen Versuch unternahm Ernst Jünger in seinem gleichnamigen Buch. Doch dieser Versuch musste scheitern, weil es diesen, von Jünger skizzierten Arbeiter noch weniger gibt wie den von Marx geschaffenen Proletarier. Jüngers Arbeiter vereinigt in sich die „guten Eigenschaften“, wie sie ein konservativer, monarchistisch und antidemokratisch gesinnter Deutscher nach 1918 sah. Dabei wurde er bewusst in Gegensatz zum Bürgertum gesetzt, das schlaff, angepasst und sowieso nur dem Kapital und seiner Mehrung verhaftet ist. Dieses Bürgertum hat versucht, dem Arbeiter seine reine Seele zu vergiften, was ihm aber nur zum geringsten Teil gelungen sei. Es ist lehrreich, dieses Buch heute noch einmal zu lesen, weil in ihm die Mechanismen, wie man a) ein Idealbild entwickelt und b) wie man ihm ein Feindbild schafft und diese beiden Opponenten dann gegeneinander in Stellung bringt, sehr deutlich beschrieben ist.
Es ist ein durch und durch dialektischer Prozess, der, um dies zu erreichen, hier zelebriert wird. Natürlich hätte Jünger immer bestritten, hier dialektisch vorgegangen zu sein, denn Dialektik ist schließlich die Methode des Feindes, sprich der Kommunisten, Bürger usw. – während man selbst die Reinheit und Klarheit, also in diesem Falle das unverfälschte Deutschtum vertritt und ihm eine Stimme verleiht. Zuletzt wäre auch der Arbeiter nur zur Kraft geworden, die ein Gewicht des Pendels zieht, um dieses in Gang zu halten.
Globalisierung und der Stillstand des Pendels
Nach 1989 aber ist etwas geschehen, mit dem niemand rechnen konnte: der Kommunismus brach zusammen, plötzlich verschwand die antagonistische Kraft, das Pendel kommt zum Stillstand. Alle Versuche, einen neuen Antagonisten zu schaffen, schlagen fehl. Um dem Dilemma zu entrinnen, verkündete der amerikanische, in Regierungsdiensten stehende Philosoph Fukuyama gleich nach dem kommunistischen Blackout das „Ende der Geschichte“ – so wie einst Hegel beim Einzug Napoleons in Berlin. Aber die Geschichte wollte einfach nicht enden und lief munter weiter. Und der endgültige Sieg der Demokratie rückte damit in weite Ferne. Seit dem 11. September nun hat man neue Gegner: den internationalen Terrorismus und Saddam Hussein. Nach dem Irakkrieg ist Hussein ebenfalls abgehakt; der Krieg aber ist deshalb nicht zu Ende. Der internationale Terrorismus ist aktiver denn je, der Kampf in Afghanistan längst nicht gewonnen. Die USA, in der Luft und zur See fast unbesiegbar, offenbart sich als schwache Landmacht. Außerdem hat sich in der Vergangenheit – im Libanon, in Somalia – gezeigt, dass die USA nicht willens ist, über längere Zeit Länder besetzt zu halten, wenn man dort ständig Verluste an Menschen erleidet. Man muss daher abwarten, wie lange man das Engagement im Irak durchhält. Die ungeklärte Frage dort ist, was geschieht, wenn die schiitische Bevölkerungsmehrheit eine Art „Gottesstaat“ etablieren will. Da die Schiiten 60 % der Bevölkerung der Irak stellen, wäre es ein Wunder, wenn sie Wahlen nicht in ihrem Sinne beeinflussen könnten. Und was wäre, wenn die Amerikaner dem Land diese Option verweigern? Noch sind die Schiiten relativ ruhig. Bräche ein von ihnen initiierter Aufstand aus, könnten sich die Koalitionstruppen im Irak nicht halten. Alle vollmundigen Sprüche der amerikanischen Administration könnten sich recht schnell als Makulatur erweisen. Mit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein hat man die Büchse der Pandora geöffnet – mit unabsehbaren Konsequenzen für die Zukunft.
Wie man es auch dreht und wendet, die Kräfte, die das Pendel unserer Zivilisation in Gang hielten, versiegen; das Pendel kommt zum Stillstand. Es fehlen neue Kräfte, es in Bewegung zu halten. Die Auswirkungen sind schon heute spürbar. Neue, nicht abzuschätzende Gefahren sind heraufgezogen. Man spricht von „asymetrischen Kriegen“, die man nun führen müsse – eine hilflose Definition dessen, was wirklich droht: ein weltweiter Guerillakrieg, in dem der Westen in seiner Existenz bedroht ist.
Und in dieser bedrohlichen Lage bietet der Westen ein Bild des Jammers. Innerlich zerstritten, uneins über die Strategie, diese erkannte Gefahr wirksam zu bekämpfen, ohne ideologisches Rückgrat, versucht man sich ziemlich hilflos in der Eindämmung der Gefahr.
Carl Amery spricht von einer neuen „Reichsreligion“, die bei uns herrscht: der Konsumismus, diese allumfassende Krake kapitalistischer Akkumulation. Die Politiker rühren sich nicht. Hilflos reden sie von „Globalisierung“, ganz so, als handle es sich hier um einen gottgegebenen Prozess, gegen den man nichts tun könne. Man könnte, aber man will nicht. Es ist ganz normal, dass ein deutscher Facharbeiter nicht mit einem indischen Kollegen konkurrieren kann – aber anscheinend ist es genau das, was er soll. Und die WTO, dieses unkontrollierte Monster, plant nun die Privatisierung sämtlicher Dienstleistungen. Das würde z.B. dazu führen, dass alle deutschen Wasserwerke privatisiert werden müssten – mit der Konsequenz, dass Trinkwasser nicht nur teurer, sondern auch qualitativ schlechter wird.
All das hängt mit dem Ende des Pendelschlags zusammen: Es fehlt die Gegenkraft, um ein zu weites Ausschlagen des Pendels nach einer Seite und sein dortiges Verharren zu verhindern. Seit dem Untergang des Kommunismus haben die Kapitalisten Oberwasser, und sie nutzen es schamlos aus. Die Gewerkschaften werden geschwächt, die Standards in der Arbeitswelt zurückgeschraubt. Der Kampf gegen die Bedrohung der westlichen Zivilisation und ihrer Errungenschaften ist für den Kapitalisten nur der Kampf um neue Märkte, leichteren Zugang zu billigen Rohstoffen und Kontrolle von Schlüsselindustrien. So vehement man es auch abstreitet, es ging im Irakkrieg nicht um die Beseitigung eines Diktators, sondern um die Vereinnahmung der dortigen Ölquellen. Der weltweite Krieg um die immer knapper werdenden Ressourcen hat im Irak begonnen.
Der Krieger als der Starke der Zukunft
Doch wenden wir uns nun einer möglichen neuen Gegenkraft zu. Ich habe ihr die Bezeichnung „Der Krieger“ gegeben.
Was wir benötigen, ist eine neue „Kriegsmaschine“, ein Instrument, in dem wir die Zukunft erkennen. Was könnte das sein: eine Kriegsmaschine? Eine Atombombe? Eine Interkontinentalrakete? Wohl kaum. Eine wirklich effektive Kriegsmaschine kann nur eine Ideologie, eine Lehre sein – eine Idee, die sich in den Menschen festsetzt, die ihnen eingeträufelt wird in homöopathischen Dosen, ein – wenn man so will – schleichendes Gift. So wirken alle erfolgreichen Ideen, und Nietzsche hat völlig recht, wenn er sagt: “Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“
Der Begriff des Kriegers ist, isoliert betrachtet, atavistisch, vorzeitlich und lässt uns an solche Leute wie den Kelten Brennus, an Attila den Hunnen oder auch Arminius denken. Krieger gibt es gar nicht mehr. Heute gibt es Soldaten, die, wenn sie eine gute Presse haben, vielleicht zu Helden mutieren. Aber war für Helden? Ein Hecktor, ein Achilles oder Odysseus waren große Krieger und große Helden – aber sie waren eben Helden, weil sie Krieger waren. Ein Alexander wäre heute nicht mehr denkbar, eben so wenig ein Julius Caesar. Sie alle gehören einer Zeit an, in der das Göttliche noch gegenwärtig war auf Erden, denn nur diese Gegenwärtigkeit schafft den Krieger und den wahren Helden. Sie bedürfen des Mythos, der unmittelbaren Begegnung mit den Göttern, ihre Gegenwart, die ihnen die Kraft verleiht, etwas Übermenschliches zu schaffen, Übermensch zu sein – und damit Gott.
Das war ein heroisches Zeitalter. Doch heute leben wir in einem behaglichen Zeitalter, man könnte sagen im 2. Biedermeier. Da gilt weder der Krieger etwas, noch ist anscheinend Bedarf an einem neuen Mythos, den er bedingt. Aber gerade weil wir in einer solchen erschlafften Zeit leben, in einem Zeitalter, das anscheinend keine Herausforderungen existenziell bedrohlicher Art für uns enthält – eine Fehleinschätzung, wie sich gezeigt hat -, bedürfen wir einer neuen treibenden Kraft: der Krieger wird kommen, weil es nur eine kurze Zeitspanne sein wird, die uns diese Sicherheit vorgaukelt. Wenn Nietzsche von den „neuen Barbaren“ spricht, die man braucht, von der „blonden Bestie“, wird er hart kritisiert. Nicht etwa, dass man in der Lage war, sachlich etwas gegen seine Forderung vorzubringen, allein die Wortwahl missfiel. Später sieht man in den Nazis diese blonden Bestien und neuen Barbaren; aber sie waren weder das eine noch das andere, sie waren nur Bestien und Barbaren, ohne in der Lage zu sein, wirklich etwas Neues zu schaffen. Der Mythos, auf den sie bauten, war altbacken und schon verbraucht. Während Nietzsche von einem neuen Zeitalter träumte, in dem der Mensch sich über sich hinaus schaffen würde, immer höher, um schließlich zum Über-Menschen zu werden, sahen die Nazis ihre Vorbilder in altgermanischer Zeit. Doch der Götterhimmel der Asen war bereits ausgestorben. Dagegen strahlt der antike Olymp bis in unsere Zeit.
Der Krieger ist eine Idealisierung, er ist der Gegen-Typus zum „letzten Menschen“, er steht in der Mitte der Entwicklung zwischen Mensch und Übermensch, er ist derjenige, dessen Zeit der große Mittag ist, der den „Zarathustra-Hazar von tausend Jahren“ einläutet. Er ist die Zuspitzung der Gegensätze, er wird die Gräben, die zwischen den Welten stehen, aufreißen. Er ist, mit Nietzsches Worten, der Starke der Zukunft.
Denn was zeichnet diese Zeit aus? Es ist nicht nur die postmoderne Beliebigkeit, über die geklagt wird. Es ist in erster Linie die Angst vor Kontroversen und Entscheidungen. Heute sind wir eine Gesellschaft, die sich durch Konsens auszeichnet. Kein Einzelner entscheidet mehr, sondern es müssen Meetings abgehalten werden, auf denen dann im Konsens etwas beschlossen wird. Nur – wenn alle entscheiden, entscheidet keiner. Es gibt keine Verantwortung mehr, die getragen wird. Es gibt keine, wie auch immer geartete, Führerschaft – ja, der Begriff selbst ist schon obsolet, geradezu tabuisiert. Entscheidungen, sind sie einmal getroffen, dürfen niemandem weh tun; alle sollen Freunde bleiben, jeder soll den anderen lieb haben. Dort, wo konsequentes Handeln gefordert wäre, ist nur noch Schachern angesagt.
Die gegenwärtige politische Situation bei uns im Lande ist nur das letzte Beispiel in einer ganzen Kette, die bis in die 60er Jahre zurückreicht. Dass man aber im Grunde dieser ewigen Kompromisse leid ist, zeigt sich, wenn wirklich einmal eine Entscheidung fällt, ohne dass man sie zur Diskussion stellt. Dafür ist die Haltung des damaligen Bundeskanzlers zur Irak-Frage ein gutes Beispiel. Sein konsequentes Nein, geboren aus der Not, dann aber durchgehalten allen Widerständen zum Trotz, wurde honoriert. Das nicht nur, weil dieser Krieg den Menschen ungerecht erschien, auch nicht nur, weil man die Arroganz der Macht, wie sie die Amerikaner vorführen, sowieso nicht sonderlich gut leiden kann, sondern nicht zuletzt auch wegen der klaren Entscheidung.
Mit dem Krieger endet das Zeitalter des ausufernden Diskurses, der ewigen Suche nach Kompromissen. Mit ihm beginnt das Zeitalter der Entscheidungen – und damit des Kampfes. Denn natürlich werden Entscheidungen zu Kämpfen führen, weil es stets Gruppen geben wird, die mit dem, was nun einmal beschlossen wurde, nicht einverstanden sind. Ihre Interessen wurden nicht berücksichtigt oder sogar beschnitten. Und da die Gesellschaft heute nur noch von einem Netz irgend welcher Interessengruppen besteht, wird das geradezu Wellen der Empörung und des Widerstandes auslösen. Ahnt man, was unter diesen Umständen aus der Demokratie wird?
Die Welt heute, wird uns immer wieder vorgehalten, sei ja so unendlich kompliziert – das Stichwort Globalisierung reicht zumeist, um das zu begründen. Ich sage dagegen: die Welt ist, wie sie immer war. Kompliziert wird sie nur durch die übermächtigen Interessen der Wirtschaft. Seitdem die Ökonomie sich alle Lebensbereiche untergeordnet hat, ist die Welt aus den Fugen geraten. In diesem Sinne ist der Krieger der personifizierte Anti-Kapitalist. Nicht etwa, dass er ein Kommunist wäre – weit entfernt! Er ist etwas viel schlimmeres: er ist die Kraft des Pendels, er vereinigt die Gegensätze in sich und bringt so den Mechanismus wieder in Bewegung. Voraussetzung dafür ist, dass die andere Kraft, die das Pendel bisher bewegt hat und nun, da der Antagonist nicht mehr existiert, für den Stillstand verantwortlich ist, zerstört wird. Wir wissen, Kraft ist unzerstörbar, deshalb müssten wir sagen: transformiert wird. Die Bündelung der beiden bislang für sich existierenden Kräfte zu einer großen Kraft: das ist die Geburt des Kriegers und der Beginn des großen Mittags.
Vorweg gilt es, das derzeit herrschende Kräfteverhältnis in der Gesellschaft zu analysieren. Man darf als bekannt voraussetzen, dass der Reichtum der Ersten Welt wesentlich auf der Ausbeutung der sogenannten Entwicklungsländer, der Dritten Welt, aufbaut. Bis in das 20. Jahrhundert hinein war diese Ausbeutung mit dem Gedanken verbunden, dass die Bewohner dieser ausgebeuteten Länder rassisch auf einer niedrigeren Stufe als die Europäer und Nordamerikaner stünden. Es war quasi ein Gebot der Nächstenliebe, diese Völker zu „zivilisieren“ und nutzbar zu machen.
Da war es nur nützlich, dass Charles Darwin schon 1859 in der „Entstehung der Arten“ ausführt, „dass alle organischen Wesen einem scharfen Wettbewerb ausgesetzt sind“. Der Darwinismus war die große Modephilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und es war nur ein kleiner Schritt, die Verhältnisse des Tier- und Pflanzenreiches auf die menschliche Gesellschaft und den modernen Marktmechanismus zu übertragen. Diese Rückübertragung zeigt sich deutlich in Darwins Spätwerk „Die Abstammung des Menschen“, in dem er die Selektionstheorie direkt auf den modernen Menschen überträgt: „Bei hoch zivilisierten Nationen hängt der beständige Fortschritt in einem untergeordneten Grade von natürlicher Zuchtwahl ab; denn derartige Nationen ersetzen und vertilgen nicht so, wie es wilde Stämme tun. Nichtsdestoweniger werden in der Länge der Zeit die intelligenteren Individuen einer und derselben Gesellschaft besseren Erfolg haben, als die untergeordneten, und werden auch zahlreichere Nachkommen hinterlassen: und dies ist eine Form der natürlichen Zuchtwahl.“
Diese Vorstellung fasste auch in den USA fuß. In der Zwischenkriegszeit gab es zum Beispiel unter dem Titel „Fitter Families“ sogar Wettbewerbe: „1920 wurde erstmals auf der Kansas Free Fair, wo sonst besonders wohlgeratene Schweine und Kürbisse mit Preisen bedacht wurden, auch Familien mit ‚ausgezeichnetem Erbgut’ prämiert. Eine Begleitbroschüre erklärt: ‚Es ist an der Zeit, die Wissenschaft menschlicher Zuchtwahl nach den Prinzipien der wissenschaftlichen Landwirtschaft zu entwickeln …’“
Der Begriff der „Fortpflanzungshygiene“ nistete sich in den Köpfen einiger Wissenschaftler ein. Körperlichkeit und Liebesleben wurde unter dem Gesichtspunkt viehzüchterischer Vorstellungen artikuliert, und in einem Abwasch wurde auch gleich der „physiologische Schwachsinn des Weibes“, so der Titel einer im Jahre 1900 erschienenen Abhandlung des Neurologen P. J. Möbius, abgehandelt.
Es war nur noch ein kleiner Schritt, und schon hatte der französische Diplomat und Publizist Joseph Arthur Graf de Gobineau den Mythos von der „arischen Edelrasse“ erfunden. Einen weiteren Höhepunkt erreichte man, als der Deutschengländer (und mit dem Hause Wagner verheiratete) Houston Stewart Chamberlain sein Buch „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ veröffentlichte. Aus Darwinismus, Rassenwahn und der Verschmelzung beider Konstrukte lag nun alles bereit, was letztlich zum militanten und mörderischen Antisemitismus und zur Judenpolitik eines Adolf Hitler führt.
Nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges war eine derartige Politik rassistischen Dünkels obsolet geworden. Die Überlegenheit der weißen Rasse musste nun anders manifestiert werden. Konnte Kant noch unbefangen in seiner Königsberger Studierstube schreiben: „Übrigens ist feuchte Wärme dem starken Wuchs der Tiere überhaupt beförderlich, und kurz, es entspringt der Neger, der seinem Klima wohl angemessen, nämlich stark, fleischig, gelenkig, aber unter der reichlichen Versorgung seines Mutterlandes faul, weichlich und tändelnd ist“ und, an anderem Ort, „Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege“, so waren derartige Äußerungen nun höchst suspekt.
Nach 1945 sortierte man sich in den kapitalistischen Ländern neu. Um das System der Ausbeutung auch nach dem Ende des Kolonialismus weiter aufrecht erhalten zu können, sann man auf neue Mechanismen, um das zu bewerkstelligen. Es begann, was Günter Anders „Die Antiquiertheit des Menschen“ nennt: die Wegrationalisierung der Menschen selbst. Dieser Prozess gehört zur Industrialisierung. Aber erst in den 50er Jahren begann er, seine volle Dynamik zu entfalten. Angeblich arbeitssparende Maschinen ersetzen zunehmend den Menschen. Lag der Prozentsatz der Beschäftigten, die ohne Arbeit waren, in der OECD in den 70er Jahren im Durchschnitt bei 4 Prozent, stieg er bereits auf 10 Prozent in den 80er Jahren und dürfte heute bei über 25 Prozent liegen. Ralf Dahrendorf, „liberaler“ Vordenker, stellte schon 1983 lakonisch fest: „Die sogenannte ‚strukturelle’ oder ‚technologische’ Arbeitslosigkeit ist genau genommen Arbeitslosigkeit auf Grund des Preisvorteils der Technik gegenüber der Arbeit.“ Das gab bereits die Linie vor: die Arbeit musste billiger werden. Schon seit Marx weiß man aber, dass von allen Faktoren, die den Preis der Arbeit bestimmen, nur einer der direkten Einflussnahme unterliegt: die Arbeitskraft des Arbeiters selbst. Wenn man also fordert, die Arbeit müsse billiger werden, könnte man auch gleich – und ehrlicher – fordern: der Arbeiter muss für weniger Lohn arbeiten.
Robert Kurz stellt dazu fest: „Diese Scheinargumentation ist in einem doppelten Sinne absurd. Selbst rein systemimmanent betrachtet kann die radikale Absenkung keinen Ausweg bieten. Die massenhafte Rückkehr der ‚arbeitenden Armen’, wie sie das liberale Bewusstsein in Wahrheit (und seiner Tradition getreu) aus tiefstem Herzen herbeiwünscht, müsste, auf dem historisch erreichten Niveau der Akkumulation die kapitalistische Produktionsweise selbst dann und aus rein objektiven ökonomischen Gründen in die Luft sprengen, wenn es keinerlei soziale Gegenwehr gäbe. Dahrendorf hat schon zu Beginn der neuen Krise anscheinend rein alles vergessen, was die innerkapitalistische Debatte seit einem guten Jahrhundert an Selbstreflexion hervorgebracht hatte; von Bismarcks Zugeständnis einiger ‚Tropfen socialen Oeles’ bis zur fordistischen Erkenntnis von der systematischen Notwendigkeit des ‚investiven’ Massenkonsums von Autos, Haushaltsmaschinen usw.“ Und er stellt fest: „Das Warten auf den ‚langfristigen Aufschwung’ der dritten industriellen Revolution hat sich als Warten auf Godot herausgestellt.“
Und was hat das kapitalistische System nun unternommen, seine Weltherrschaft zu sichern? Es hat die Staaten fast der ganzen Welt in ein engmaschiges Netz von Verträgen eingewebt, wie es eine Spinne mit ihren Opfern tut. Eine der mächtigsten und unkontrolliertesten Organisationen ist die WTO, die World Trade Organization (Welthandelsorganisation). Sie ist aus dem GATT, dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen, das 1948 gegründet worden war, hervorgegangen und dürfte die kapitalistische Speerspitze der sogenannten Globalisierung sein. Bei der Etablierung des GATT betrugen die Schutzzölle noch durchschnittlich 40 Prozent; nach Gründung der WTO von durchschnittlich 4,6 Prozent. Unter dem GATT nahm die Weltwirtschaft einen rasanten Aufschwung mit Zuwachsraten von 5-10 Prozent im Jahr. Ob das nun an den Schutzzöllen lag oder nicht – geschadet haben sie auf keinem Fall.
Zusammen mit der Weltbank bildet die WTO das wirksamste Instrument der hochentwickelten Industriestaaten, ihre Interessen gegenüber der Dritten Welt zu wahren durchzusetzen. Allerdings muss man sich inzwischen Fragen, wessen Interessen man eigentlich vertritt: die der großen multinationalen Konzerne oder die der eigenen Bürger.