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Hermann Hesse

Zarathustras Wiederkehr

 

Es gab einmal einen deutschen Geist, einen deutschen Mut, eine deutsche Mannhaftigkeit, welche sich nicht nur im Herdenlärm und der Massenbegeistung äußerte. Der letzte große Geist dieser Art ist Nietzsche gewesen, und er ist, inmitten des damaligen Gründertums und der damaligen Herdengesinnung in Deutschland, zum Anti-Patrioten und Anti-Deutschen geworden. An ihn will mein Ruf erinnern, an seinen Mut, an seine Einsamkeit. Statt des Herdengeschreis, dessen weinerliche jetzige Note um nichts lieblicher ist, als während der “großen Zeit” seine großmäulige und brutale es war, will dieser Ruf die Geistigen unter der deutschen Jugend an einige einfache, unerschütterte Tatsachen und Erfahrungen der Seele er-innern. Möge jeder sich zum Volk und der Allgemeinheit verhalten, wie Bedürfnis und Gewissen es ihm eingibt – wenn er darüber sich selbst, seine eigene Seele versäumt, so wird es wertlos sein. Erst wenige im verarmten und besiegten Deutschland haben begonnen, das Weinen und Schimpfen als unfruchtbar zu erkennen und sich tüchtig und mannhaft zu machen für das, was kommen soll. Erst wenige haben eine Ahnung von dem Verfall des deutschen Geistes, in dem wir lang vor dem Kriege schon lebten. Wir müssen nicht hinten beginnen, bei den Regierungsformen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen. Davon spricht meine kleine Schrift. Sie ist anfänglich anonym in der Schweiz erschienen und in dieser Form in mehreren Auflagen verbreitet worden, weil ich die Jugend nicht durch einen bekannten Namen mißtrauisch machen wollte. Sie sollte unbefangen prüfen, und hat es getan. Dadurch ist mein Be-weggrund zur Anonymität hinfällig geworden. (Ankündigungstext zur ersten nicht anonymen Ausgabe)

Als unter den jungen Menschen in der Hauptstadt sich das Gerücht herumflüsterte, Zarathustra sei wieder erschienen und werde da und dort auf Gassen und Plätzen gesehen, machten einige Jünglinge sich auf, ihn zu suchen. Es waren Jünglinge, welche vom Kriege heimgekehrt und in der veränderten und umgestürzten Heimat voll rastloser Besorgnis waren, denn sie sahen wohl, daß große Dinge geschahen, aber der Sinn war dunkel, und vielen schien er ein Unsinn zu sein. Diese jungen Männer hatten alle im Beginn ihrer Jugendzeit in Zarathustra den Propheten und ihren Führer gesehen, sie hatten mit dem Eifer der Jugend gelesen, was über ihn geschrieben steht, und hatten darüber gesprochen und nachgedacht, auf ihren Wanderungen in Heide und Gebirg, und in nächtlichen Zimmern bei Lampenschein. Und Zarathustra war ihnen heilig gewesen, wie einem jeden diejenige Stimme zum Heiligtume wird, welche ihn zuerst und zustärkst an sein eigenes Ich und an sein eigenes Schicksal gemahnte. Als diese Jünglinge Zarathustra fanden, da stand er in einer breiten Straße voll dichten Menschengewühls an eine Mauer gedrückt und hörte der Rede zu, welche ein Volksführer von der Höhe eines Wagens herab an die gedrängte Menge hielt. Er hörte zu, lächelte und blickte in die Gesichter der vielen Menschen. Er blickte in diese Gesichter, wie ein alter Einsiedler in die Wellen des Meeres und in die Morgenwolken blickt. Er sah ihre Angst, er sah ihre Ungeduld und ihre ratlose weinerliche Kinderbangigkeit, er sah auch den Mut und den Haß in den Augen der Entschlossenen und Verzweifelten, und er wurde nicht müde, hinzusehen und dabei der Rede des Redners zuzuhören. Woran ihn die Jünglinge erkannten, das war sein Lächeln. Er war weder alt noch jung, er sah nicht wie ein Lehrer noch wie ein Soldat aus, er sah aus wie ein Mensch – der Mensch, als wäre er soeben aus der Dunkelheit des Werdens gestiegen, der erste von seiner Art. An seinem Lächeln aber erkannten sie ihn, nachdem sie eine Weile gezweifelt hatten, ob er es sei. Sein Lächeln war hell, doch nicht gütig; es war arglos, doch ohne Gutmütigkeit. Es war das Lächeln eines Kriegers, und noch mehr das Lächeln eines Alten, der viel gesehen hat und der vom Weinen nichts mehr hält. Daran erkannten sie ihn. Als die Rede zu Ende war und das Volk unter Brüllen auseinanderzulaufen an-fing, näherten sich die Jünglinge Zarathustra und begrüßten ihn mit Ehrfurcht. “Du bist da, Meister”, sagten sie mit Stammeln, “endlich bist du wiederge-kommen, da die Not am größten ist. Sei uns willkommen, Zarathustra! Du wirst uns sagen, was wir tun sollen, du wirst uns vorangehen. Du wirst uns aus dieser größten aller Gefahren erretten. ” Lächelnd lud er sie ein, ihn zu begleiten, und sagte im Weitergehen den Lau-schenden: “Ich bin sehr guter Laune, meine Freunde. Ja, ich bin wiedergekommen, vielleicht für einen Tag, vielleicht für eine Stunde, und ich sehe zu, wie ihr Theater spielt. Stets ist es mir ein Vergnügen gewesen dabeizustehen und zuzuschauen, wenn Theater gespielt wird. Bei nichts anderem sind die Menschen so ehrlich.” Die Jünglinge hörten und sahen einander an; es war nach ihrer Meinung zuviel Spott, zuviel Heiterkeit, zuviel Unbekümmertheit in Zarathustras Worten. Wie konnte er von Theater sprechen, wo sein Volk im Elend lag? Wie konnte er lächeln und Vergnügen haben, wo sein Vaterland besiegt und in Zerrüttung war? Wie konnte ihm dies alles, das Volk und der Volksredner, die ernste Stunde, die Feierlichkeit und Ehrfurcht ihrer selbst, der Jünglinge – wie konnte ihm dies alles bloße Augen- und Ohrenweide sein, bloßer Gegenstand der Beobachtung und des Lächelns? War es jetzt nicht Zeit, blutig zu weinen, Weh zu schreien und seine Kleider zu zerreißen? Und, vor allem, war es jetzt nicht Zeit, höchste Zeit, zu handeln? Taten zu tun? Ein Beispiel zu geben? Land und Volk vom sichern Untergang zu retten? “Ich sehe”, sagte Zarathustra, der ihre Gedanken fühlte, noch ehe sie über ihre Lippen gekommen waren, “daß ihr mit mir nicht zu zufrieden seid, junge Freun-de. Ich habe es erwartet, und dennoch setzt es mich nun in Erstaunen. Wenn man etwas von dieser Art erwartet, da ist neben der Erwartung immer auch das Gegenteil vorbanden; etwas in uns erwartet, und etwas andres in uns hofft das Gegenteil. So geht es mir nun mit euch, ihr Freunde. – Aber saget, wolltet ihr nicht mit Zarathustra reden?” “Ja, das wollen wir”, riefen sie alle begierig. Da lächelte Zarathustra und fuhr fort: “Nun denn, meine Lieben, so redet mit Zarathustra, höret Zarathustra! Der vor euch steht, ist nicht ein Volksredner noch ein Soldat, kein König noch Heerführer, es ist Zarathustra, der alte Einsiedler und Spaßmacher, der Erfinder des letzten Lachens, der Erfinder so vieler letzter Traurigkeiten. Von mir, ihr Freunde, könnet ihr nicht lernen, wie man Völker regiert und Niederlagen wiedergutmacht. Ich weiß euch nicht zu lehren, wie man Herden befehligt und wie man Hungernde beschwichtigt. Das sind nicht Zarathustras Künste. Das sind nicht Zarathustras Sorgen.” Die Jünglinge schwiegen, und Enttäuschung zog ihre Gesichter lang. Sie gingen neben dem Propheten einher, betreten und unwillig, und fanden lange Zeit keine Worte, ihm zu erwidern. Endlich sagte einer von ihnen, der Jüngste, und indem er sprach, begann sein Blick zu sprühen, und Zarathustras Auge ruhte auf ihm mit Wohlgefallen. “Nun denn”, so hob der Jüngste unter den Jünglingen an, “so sage uns also, was du zu sagen hast. Denn wenn du nur gekommen bist, um dich über uns und die Not dieses Volkes lustig zu machen, so wissen wir Besseres zu tun, als mit dir spazierenzugehen und deine vortrefflichen Witze anzuhören. Sieh uns an, Zara-thustra, wir alle, so jung wir sind, haben Kriegsdienste getan und dem Tod ins Gesicht gesehen, und wir sind nicht mehr gesonnen, uns mit Spielereien und hübschem Zeitvertreib abzugeben. Wir haben dich verehrt, o Meister, und haben dich liebgehabt, aber größer als die Liebe zu dir ist in uns die Liebe zu uns selbst und zu unserem Volke. Das sollst du wissen.” Zarathustras Gesicht erhellte sich, da er den Jungen so reden hörte, und er blickte ihm mit Güte, ja mit Zärtlichkeit in die zornigen Augen. “Mein Freund”, sagte er mit seinem besten Lächeln, “wie recht hast du, daß du den alten Zarathustra nicht unbesehen hinnimmst, daß du ihm auf den Zahn fühlst und ihn dort kitzelst, wo du ihn für verwundbar hältst! Wie sehr recht hast du, Lieber, mit deinem Mißtrauen! Und weißt du auch, daß du da eben ein sehr gutes Wort gesagt hast, eines von denen, die Zarathustra gerne hört? Sagtest du nicht: ‘Wir lieben uns selber mehr als wir Zarathustra lieben?’ Wie liebe ich solche Aufrichtigkeiten! Damit hast du mich geködert, mich alten Fisch, den schlüpfrigen, bald werde ich an deiner Angel hängen!” Von einer entfernten Straße her hörte man in diesem Augenblicke Schüsse, gro-ßes Geschrei und Kampflärm hallen; sonderbar und töricht klang es durch den stillen Abend. Und wie Zarathustra sah, daß die Blicke und Gedanken seiner jungen Begleiter dort hinüberliefen wie junge Hasen, da änderte er den Ton seiner Stimme. Sie klang plötzlich wie aus einer großen Fremde her – und klang genauso, wie sie einst, beim ersten Kennenlernen, den Jünglingen getönt hatte -, wie eine Stimme, die nicht von Menschen kommt, sondern von Sternen oder Göttern her, oder, noch mehr, wie eine Stimme, die jeder heimlich in der eigenen Brust vernimmt, zu Stunden, wo Gott in ihm ist. Die Freunde horchten auf, und sie kehrten mit allen Gedanken und Sinnen zu Zarathustra zurück, denn nun erkannten sie die Stimme jeder, die einst, wie aus heiligen Gebirgen her, in ihre erste Jugend getönt und der Stimme eines unbe-kannten Gottes geglichen hatte. “Höret mich, Kinder”, sagte er ernst und wandte sich besonders zu dem Jüngsten. “Wenn ihr einen Glockenton hören wollet, so müsset ihr nicht an ein Blech schlagen. Und wenn ihr die Flöte blasen wollet, so dürfet ihr den Mund nicht an einen Weinschlauch legen. Verstehet ihr mich, o Freunde? Und besinnet euch, ihr Guten, besinnet euch wohl: Was war es doch, das ihr einst, in jenen trunkenen Stunden, von eurem Zarathustra gelernt habt? Was war es doch? War es etwa Weisheit für den Kaufladen, oder für die Gasse, oder für das Schlachtfeld? Gab ich euch Ratschläge für Könige, habe ich königlich, oder bürgerlich, oder politisch, oder händlerisch zu euch gesprochen? Nein, ihr erinnert euch, ich sprach Zarathustrisch, ich sprach meine Sprache, ich tat mich vor euch auf wie ein Spiegel, damit ihr in ihm euch selbst zu sehen bekämet. Habt ihr je von mir ‘etwas gelernt’ ? Bin ich je ein Sprachlehrer oder ein Sachlehrer gewesen? Sehet, Zarathustra ist kein Lehrer, man kann ihn nicht fragen und von ihm lernen und ihm gute kleine und große Rezepte für nötige Fälle nachschreiben. Zarathustra ist der Mensch, er ist Ich und Du. Zarathustra ist der Mensch, nach dem ihr in euch selber auf der Suche seid, der Aufrichtige, der Unverführte – wie sollte er an euch zum Verführer werden wollen? Vieles hat Zarathustra gesehen, vieles hat er gelitten, an vielen Nüssen hat er geknackt und ist von vielen Schlangen gebissen wor-den. Aber nur eines hat er gelernt, nur eines ist seine Weisheit, nur eines ist sein Stolz. Er hat gelernt, Zarathustra zu sein. Das ist es, was auch ihr von ihm lernen wollet, und wozu doch so oft euch der Mut gebricht. Ihr sollet lernen, ihr selbst zu sein, so wie ich Zarathustra zu sein gelernt habe. Ihr sollet verlernen, andere zu sein, gar nichts zu sein, fremde Stimmen nachzuahmen und fremde Gesichter für die euern zu halten. – Und darum, ihr Freunde, wenn Zarathustra zu euch spricht, so suchet in seinen Worten keine Weisheit, keine Künste, keine Rezepte und Rattenfängerkniffe, sondern suchet ihn selbst! Vom Stein könnet ihr lernen, was Härte ist, und vom Vogel, was Singen ist. Von mir aber könnet ihr lernen, was Mensch und Schicksal ist.” Sie waren unter ihren Reden bis zum Rande der Stadt gekommen und gingen da unter Bäumen, die im Abend rauschten, noch lange miteinander. Vieles fragten sie ihn, oft lachten sie mit ihm, oft verzweifelten sie an ihm. Einer von ihnen aber hat das, wovon Zarathustra an jenem Abend zu ihnen sprach, oder einiges davon, für seine Freunde aufgeschrieben und bewahrt. Was er in der Erinnerung an Zarathustra und seine Worte aufgeschrieben hat, ist aber dieses:

 

Vom Schicksal

So sprach zu uns Zarathustra:
Eines ist dem Menschen gegeben, das ihn zum Gotte macht, das ihn erinnert, daß er Gott ist: Das Schicksal zu erkennen. Darin bin ich Zarathustra, daß ich Zarathustras Schicksal erkannt habe. Darin, daß ich sein Leben gelebt habe. Wenige erkennen ihr Schicksal. Wenige leben ihr Leben. Lernet euer Leben zu leben! Lernet euer Schicksal erkennen! Ihr klaget so sehr über das Schicksal eures Volkes. Schicksal aber, über das man klagt, ist noch nicht das unsre, ist ein uns Fremdes und Feindliches, ist ein fremder Gott und böser Götze, der uns aus dem Dunkel mit Schicksal bewirft wie mit vergifteten Pfeilen. Lernet, daß Schicksal nicht von Götzen kommt, so werdet ihr auch endlich lernen, daß es keine Götzen und Götter gibt! Wie im Leibe eines Weibes das Kind, so wächst Schicksal in eines jeden Menschen Leib, oder wenn ihr wollt, könnt ihr auch sagen: in seinem Geist oder in seiner Seele. Es ist dasselbe. Und wie das Weib eins ist mit seinem Kinde und sein Kind liebt und nichts Besseres in der Welt kennt als sein Kind – so sollt ihr euer Schicksal lieben lernen und nichts Besseres auf der Welt kennen als euer Schicksal. Es soll euer Gott sein, denn ihr selbst sollt eure Götter sein. Wem Schicksal von außen kommt, den erlegt es, wie der Pfeil das Wild erlegt. Wem Schicksal von innen und aus seinem Eigensten kommt, den stärkt es und macht ihn zum Gott. Es machte Zarathustra zu Zarathustra – es soll dich zu dir machen! Wer das Schicksal erkannt hat, der will niemals Schicksal ändern. Schicksal ändern wollen, das ist so recht ein Kinderbemühen, wobei man einander in die Haare gerät und einander totschlägt. Schicksal ändern wollen, das war das Tun und Bemühen eurer Kaiser und Feldherren, es war euer eigenes Bemühen. Nun ihr das Schicksal nicht habt ändern können, schmeckt es bitter, und ihr meint, es sei Gift. Hättet ihr es nicht ändern wollen, hättet ihr es zu eurem Kind und Herzen, hättet ihr es ganz und gar zu euch selbst gemacht – wie süß würde es alsdann schmecken! Erlittenes, fremd gebliebenes Schicksal ist jeder Schmerz, ist jedes Gift, ist jeder Tod. Jede Tat aber und jedes Gute und Frohe und Zeugende auf Er-den ist erlebtes Schicksal, ist zu Ich gewordenes Schicksal. Ihr seid vor eurem langen Kriege zu reich gewesen, o Freunde, ihr seid zu reich und dick und vollgegessen gewesen, ihr und eure Väter, und als ihr Schmerzen im Bauche verspürtet, wäre es Zeit für euch gewesen, in diesen Schmerzen das Schicksal zu erkennen und seine gute Stimme zu hören. Ihr aber, ihr Kinder, seid über die Bauchschmerzen böse geworden und habt euch erklügelt, es sei Hunger und Mangel, welcher diese Schmerzen in eurem Bauche mache. Und da habt ihr losgeschlagen, um zu erobern, um mehr Raum auf Erden, um mehr Speise in eurem Bauch zu haben. Und jetzt, wo ihr heimgekehrt seid und nicht erreicht habt, was ihr wolltet, jetzt wehklagt ihr wieder, fühlet wieder allerlei Weh und Schmerzen, und wieder sucht ihr nach dem bösen, bösen Feinde, der die Schmerzen geschickt hat, und seid bereit, auf ihn zu schießen, sei er auch euer Bru-der. Liebe Freunde, wäre es nicht gut, ihr besännet euch? Wäre es nicht gut, ihr würdet, wenigstens diesmal, eure Schmerzen mit mehr Ehrfurcht behandeln, mit mehr Neugierde, mit mehr Männlichkeit, mit weniger Kleinkinderangst und Kleinkindergeschrei? Könnte es nicht sein, daß die bittern Schmerzen Stimme des Schicksals sind, und daß sie süß werden, wenn ihr die Stimme verstehet? Könnte es nicht so sein? Auch höre ich euch, Freunde, immerzu so laut über böse Schmerzen und böse Schicksale klagen, die euer Volk und euer Land betroffen haben. Verzeihet, junge Freunde, wenn ich auch gegen diese Schmerzen ein wenig mißtrauisch, ein wenig langsam und unwillig im Glauben bin! Du und du, und du dort, ihr alle, leidet ihr denn nur Schmerzen um euer Volk? Leidet ihr nur um euer Vaterland? Wo ist denn dies Vaterland, wo ist sein Haupt, wo sein Herz, wo wollt ihr die Kur und Pflege an ihm beginnen? Wie? Gestern war es noch der Kaiser, und war es das Weltreich, um das ihr bangtet, auf das ihr stolz waret, das ihr heilig hieltet. Wo ist das alles heute hin? Es war nicht der Kaiser, von dem die Schmerzen kamen – wären sie sonst noch da und wären so bitter, da doch kein Kaiser mehr da ist? Es war nicht das Heer und nicht die Flotte, und nicht die und die Provinzen und Beutestücke, das sehet ihr jetzt. – Aber warum sprechet ihr, wenn ihr Schmerzen habt, auch heute noch immer gleich vom Vaterland, und vom Volk, und von irgend solchen großen, ehrwürdigen Dingen, von denen gut reden ist, und welche oft so unvermutet sich auflösen und nicht mehr da sind? Wer ist das Volk? Ist es der Redner, oder die ihm zuhören, sind es die, die ihm zustimmen, oder die, die nach ihm ausspeien und die Stöcke schwingen? Hört ihr das Schießen drüben? Wo ist das Volk, euer Volk – auf welcher Seite? Schießt es, oder wird es beschossen? Greift es an, oder wird es angegriffen? Seht, es ist schwierig, einander zu verstehen, und gar sich selbst zu verstehen, wenn man immer so große Worte braucht. Wenn ihr nun, du und du dort, Schmer-zen fühlet, wenn euch nicht wohl im Leibe oder in der Seele ist, wenn ihr Angst empfindet, Gefahr ahnet – warum wollet ihr nicht, und sei es nur zum Spaß und aus Neugierde, aus guter gesunder Neugierde, einmal den Versuch machen, die Frage anders zu stellen? Warum wollt ihr nicht einmal suchen, ob der Schmerz nicht in euch selber sitzt? Es gab eine gewisse Zeit, da waret ihr alle eine kleine Weile überzeugt und eurer Sache sicher, daß der Russe euer Feind und der Ausgang alles Bösen sei. Und gleich darauf war es der Franzose, und dann der Engländer, und dann andere, und immer waret ihr überzeugt und sicher, und im-mer war es eine traurige Komödie und endete mit Elend. Da ihr nun gesehen habt, daß die Schmerzen in uns drinnen nicht damit zu heilen sind, daß wir sie einem Feinde in die Schuhe schieben – warum suchet ihr nicht auch jetzt eure Schmerzen dort auf, wo sie sind: In euch innen? Vielleicht ist es nicht das Volk, das dir weh tut, und nicht das Vaterland, und nicht die Weltmacht, und auch nicht die Demokratie – vielleicht ist es einfach du selbst, dein Magen oder deine Leber, eine Geschwulst oder ein Krebs in dir – und es ist nichts als Kleinkinderfurcht vor der Wahrheit und vor dem Arzte, wenn du dich stellst, als seiest zwar du selbst ganz und gar gesund, aber leider bedrücke dich ein Leiden deines Volkes so sehr? Ist das nicht möglich? Seid ihr nach dieser Seite hin gar nicht neugierig? Wäre es nicht für jeden von euch im Grunde eine gute lustige Übung, seinem Leide einmal nachzugehen und zu suchen, wo es sitzt und wen es angeht? Es könnte sein, es stellte sich dann heraus, daß ein Drittel und eine Hälfte, und weit mehr als die Hälfte deines Schmerzes wirklich und wahrlich dein eigener, eigenster Schmerz ist, und daß du gut tätest, kalte Bäder zu nehmen oder weniger Wein zu trinken, oder sonst eine Kur an dir vorzunehmen, statt am Vaterlande herumzudrücken und herumzukurieren. Es könnte sein, meine ich – und wäre es nicht sehr gut, wenn es so wäre? Wäre da nicht zu helfen? Wäre da nicht Zukunft? Wäre da nicht Aussicht, Schmerz in Wohltat zu erwandeln, und Gift in Schicksal? Aber ihr findet das selbstsüchtig und kleinlich, das Vaterland liegen lassen und sich selber zu kurieren. Nun, vielleicht habt ihr auch darin nicht so ganz und völlig recht, wie es euch erscheinen will, ihr Freunde! Glaubt ihr nicht, daß am Ende ein Vaterland gesunder und besser gedeiht, in das nicht ein jeder Kranke seine eigenen Gebrechen hineindeutet, an dem nicht jeder Leidende her-umkuriert? Ach, ihr jungen Freunde, ihr habt so viel gelernt in eurem jungen Leben! Ihr seid Krieger gewesen, ihr habt hundertmal dem Tod ins Gesicht gesehen. Ihr seid Helden. Ihr seid Säulen des Vaterlandes. Ich bitte euch nur: begnügt euch nicht damit! Lernet noch mehr! Strebet noch weiter! Und denket zuzeiten daran, welch eine hübsche Sache die Ehrlichkeit ist!

 

Vom Leiden und vom Tun

“Was sollen wir tun?” so fraget ihr mich und fraget euch selbst immer wieder, und das “Tun” gilt euch viel, gilt euch alles. Das ist gut, meine Freunde, oder – es wäre gut, wenn ihr das Tun von Grund aus verstündet! Aber sehet, schon diese Frage: “Was sollen wir tun?”, schon diese bange Kinderfrage zeigt mir, wie wenig ihr vom Tun wisset! Was ihr “Tun” heißet, ihr Jünglinge, das würde ich, der alte Einsiedler vom Berge, ganz anders nennen. Ich würde manche hübsche, manche drollige und artige Namen dafür erfinden, für dieses “Tun”. Ich würde es nicht allzulange zwischen den Fingern zu drehen brauchen, euer “Tun”, um es hübsch und spaßhaft in sein Gegenteil zu verwandeln. Denn es ist das Gegenteil! Euer “Tun” ist das Gegenteil von dem, was ich Tun heiße. Die Tat, o Freunde – höret nur schon das bloße Wort, höret es gut, waschet eure Ohren damit aus! Die Tat – die ward noch niemals getan von einem, der zuvor gefragt hat: “Was soll ich tun?” Die Tat ist das Licht, das aus einer guten Sonne springt. Ist die Sonne nicht eine gute, eine richtige, eine zehnmal bewährte Son-ne, ist sie gar eine solche Sonne, welche sich mit Bangigkeit fragt, was sie tun soll, so wird sie niemals Licht von sich geben! Tat ist nicht Tun, Tat ist nicht zu ersinnen und zu erklügeln. Wohl, ich werde euch sagen, was Tat ist. Aber zuvor, meine Freunde, erlaubet mir euch zu sagen, was euer “Tun” mir zu sein scheint. Wir werden uns alsdann besser verstehen. Euer “Tun”, das ihr tun wollt, das aus Suchen und Zweifeln und Zickzackwegen ans Licht kommen soll – dieses Tun, liebe Freunde, ist das Gegenstück und der Urfeind der Tat. Euer Tun nämlich ist, wenn ihr mir das böse Wort vergönnen wollet, Feigheit! Ich sehe euch böse werden, ich sehe um eure Augen schon den Zug, den ich so gerne sehe – aber wartet noch, hört mich erst zu Ende! Ihr seid Soldaten, ihr Jünglinge, und ehe ihr Soldaten waret, seid ihr Kaufleute oder Fabrikanten oder dergleichen gewesen, oder waren es eure Väter, und sie und ihr habt, von irgendeiner schlechten Schulstube her, an gewisse Gegensätze geglaubt, von welchen die Sage ging, sie stammten von Ewigkeit her und seien von den Göttern erschaffen. Sie selbst waren eure Götter, diese Gegensätze, wie ihr ja auch den Gegensatz: Mensch-Gott hingenommen und daraus gefolgert habt, daß, was ein Mensch sei, kein Gott sein könne, und umgekehrt. Diesen alten schlechten Glauben an die heiligen Gegensätze kann euch nun Zarathustra nicht schlichter und einfacher in seiner tiefen Zweifelhaftigkeit und argen Anrüchigkeit aufdecken, als wenn er euch mit offenen Augen vor den von euch geglaubten Gegensatz: Tun-Leiden hinstellt. Also öffnet die Augen, Freunde, und sehet euch das Tun und das Leiden an, wie ein alter Einsiedler es euch zeigen will! Tun und Leiden, welche zusammen unser Leben ausmachen, sind ein Ganzes, sind eines. Das Kind leidet, daß es erzeugt wird, es leidet seine Geburt, es leidet seine Entwöhnung, es leidet hier und leidet dort, bis es zuletzt den Tod erleidet. Alles Gute aber, was an ihm ist und wofür es gelobt oder geliebt wird, ist nur das gute Leiden, das richtige, volle, leben-dige Leiden. Gut zu leiden wissen, ist mehr als halb gelebt. Gut zu leiden wissen, ist ganz gelebt! Geborenwerden ist Leiden, Wachstum ist Leiden, Same leidet Erde, Wurzel leidet Regen, Knospe leidet Sprengung. So, meine Freunde, leidet der Mensch Schicksal. Schicksal ist Erde, ist Regen, ist Wachstum. Schicksal tut weh. Ihr aber nennet “Tun” das Davonlaufen vor dem Wehtun, das Nichtgeborenwerdenwollen, die Flucht vor dem Leiden! “Tun” nenntet ihr es, oder nannten es eure Väter, wenn ihr Tag und Nacht in Läden und Werkstätten rumortet, wenn ihr recht viele Hämmer hämmern hörtet, wenn ihr recht viel Ruß in die Luft blieset. Verstehet mich wohl, ich habe nicht die mindeste Feindschaft gegen eure Hämmer und gegen euren Ruß, oder gegen die eurer Väter. Aber es macht mich lächeln, daß ihr diese Betriebsamkeit “Tun” nennen konntet! Sie war kein Tun, sie war nichts als Flucht vor dem Leiden. Es war peinlich, allein zu sein – darum gründete man Gesellschaften. Es war peinlich, allerlei Stimmen im eigenen Innern zu vernehmen, welche von euch verlangten, ihr solltet euer eigenes Leben leben, euer eigenes Schicksal suchen, euren eigenen Tod sterben – es war peinlich, darum liefet ihr weg und machtet Lärm mit Maschinen und Hämmern, bis die Stimmen ferner klangen und stille wurden. So taten eure Väter, so taten eure Lehrer, so tatet ihr selber. Es wurde Leiden von euch verlangt – und ihr waret entrüstet, ihr wolltet nicht leiden, ihr wolltet nur tun! Und was tatet ihr? Erst opfertet ihr dem Gotte des Lärms und der Betäubung in euren seltsamen Geschäften, hattet alle Hände voll zu tun, hattet niemals Zeit zu leiden, zu hören, zu atmen, Lebensmilch zu saugen, Himmelslicht zu trinken. Nein, ihr mußtet ja immer tun, immer tun. Und als das Tun nichts half, und als das Schicksal in eurem Innern statt süß und reif immer fauler und giftiger wurde, da vergrößertet ihr auch euer Tun, da schufet ihr euch Feinde, erst in der Einbildung, dann in der Wirklichkeit, da gin-get ihr in den Krieg, da wurdet ihr Krieger und Helden! Ihr habt erobert, ihr habt das Unsinnigste ertragen, ihr habt das Riesigste gewagt. Und jetzt? Ist es jetzt gut? Ist es jetzt still und froh im Herzen? Schmeckt jetzt das Schicksal süß? O nein, es schmeckt bitterer als jemals, und darum eilet ihr zu neuen Taten, laufet auf die Gassen, stürmet und schreiet, wählet Räte und ladet wieder die Gewehre. Und dies alles, weil ihr ewig auf der Flucht vor dem Leiden seid! Auf der Flucht vor euch selbst, vor eurer Seele! Ich höre, was ihr mir erwidert. Ihr fragt mich, ob das nicht Leiden gewesen sei, was ihr ertragen habt? Ob das nicht Leiden gewesen sei, als eure Brüder euch in den Armen starben, als eure Glieder in der Erde froren oder unter den Messern von Ärzten zuckten? Ja, dies alles war Leiden – es war selbstgewolltes, ertrotztes, ungeduldiges Leiden, es war Ändernwollen des Schicksals. Es war heldenhaft – soweit der eben ein Held sein kann, der noch vor dem Schicksal flieht, der es noch ändern will. Leidenlernen ist schwer. Ihr findet es häufiger und schöner bei Frauen als bei Männern. Lernet von ihnen! Lernet zuhören, wenn die Stimme des Lebens spricht! Lernet zusehen, wenn die Sonne des Schicksals mit euren Schatten spielt! Lernet Ehrfurcht vor dem Leben! Lernet Ehrfurcht vor euch selber! Aus Leiden kommt Kraft, aus Leiden kommt Gesundheit. Es sind immer die “gesunden” Menschen, welche plötzlich umfallen und an einem Luftzug sterben. Es sind die, welche nicht leiden gelernt haben, Leiden macht zäh, Leiden stählt. Es sind Kinder, welche vor jedem Leiden die Flucht ergreifen! Wahrlich, ich liebe die Kinder, aber wie könnte ich die lieben, welche ihr Leben lang Kinder bleiben wollen? So aber seid ihr alle, die ihr vor dem Leiden in das Tun fliehet, aus alter trauriger Kinderangst vor dem Schmerz und vor der Dunkelheit. Und seht doch, was ihr mit eurem vielen Tun und eurem vielen Fleiß und euren rußigen Gewerben er-reicht habt! Was ist denn noch davon da? Das Geld ist dahin und mit ihm der ganze Glanz eures feigen Fleißes. Oder wo ist die Tat, die ihr mit all eurem Tun erzeugt hättet? Wo ist der große Mensch, der Strahlende, der Täter, der Held? Wo ist euer Kaiser? Wer ist sein Nachfolger? Wer soll es werden? Und wo ist eure Kunst? Wo habt ihr die Werke, die eure Zeit rechtfertigen? Wo die großen, freu-digen Gedanken? Ach, ihr habt viel zu wenig, viel zu schlecht gelitten, um Gutes und Strahlendes zeugen zu können! Denn die Tat, die gute und strahlende Tat, meine Freunde, die kommt nicht aus dem Tun, nicht aus der Betriebsamkeit, nicht aus dem Fleiß und Gehämmer. Sie wächst einsam auf Bergen, sie wächst auf Gipfeln, wo Stille und Gefahr ist. Sie wächst aus Leiden, die ihr erst noch müsset leiden lernen.

 

Von der Einsamkeit

Ihr fraget mich, Jünglinge, nach der Schule des Leidens, nach der Schmiede des Schicksals. Kennet ihr sie nicht? Nein, ihr, die ihr vom Volke redet und mit der Masse zu tun habt, und nur mit ihr und für sie leiden wollet, ihr kennet sie nicht. Ich spreche euch der Einsamkeit. Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will. Einsamkeit ist der Weg, den der Mensch am meisten fürchtet. Dort sind alle Schrecknisse, dort liegen alle Schlangen und alle Kröten verborgen. Dort lauert das Furchtbare. Geht nicht von allen Einsamen, von allen Pfadfindern in der Wüste der Einsamkeit die Sage, sie seien auf Abwege geraten, sie seien böse oder sie seien krank? Erzählt man alle großen Heldentaten nicht so, als wären sie von Verbrechern getan – weil es gut ist, sich selbst vor dem Wege zu solchen Taten zu bewahren? Erzählt man nicht auch von Zarathustra, er sei im Wahnsinn zugrunde gegan-gen – und im Grunde sei alles, was er getan und gesagt, ja auch schon Wahnsinn gewesen? Und habt ihr, wenn ihr so sprechen hörtet, nicht etwas in euch gefühlt wie ein Erröten? Als wäre es edler und eurer würdiger, zu jenen Wahnsinnigen zu gehören, und als schämtet ihr euch, daß ihr nicht den Mut dazu hattet? Von der Einsamkeit möchte ich euch Lieder singen, ihr Lieben. Ohne Einsamkeit ist kein Leiden, ohne Einsamkeit ist kein Heldentum. Doch ich meine nicht jene Einsamkeit der hübschen Dichter und der Theater, wo die Quelle an der Felshöhle des Einsiedlers so lieblich rauscht! Vom Kind zum Manne ist nur ein einziger Schritt, ein einziger Schnitt. Einsamwerden, Duselbstwerden, Loskommen von Mutter und Vater, so heißt der Schritt vom Kind zum Manne, und niemand tut ihn ganz. Jeder nimmt, und auch der heiligste Einsiedler und Brummbär im kahlsten Gebirge nimmt einen Faden mit, zieht einen Faden nach, mit dem er an Vater und Mutter und alle liebe, warme Verwandtschaft und Zugehörigkeit geknüpft ist. Wenn ihr, o Freunde, so warm vom Volk und Vaterlande redet, so sehe ich den Faden in euch hängen, und ich lächle. Wenn eure großen Männer von ihren “Aufgaben” und von ihrer Verantwortung reden, da hängt ihnen der Faden lang zum Munde heraus. Nie reden eure großen Männer, eure Führer und Sprecher, von Aufgaben gegen sich selbst, nie reden sie von der Verantwortung vor ihrem Schicksal! Sie hängen am Faden, der zur Mutter zurückführt und in alles Warme und Wohlige, woran die Dichter erinnern, wenn sie gefühlvoll von der Kindheit und ihren reinen Freuden singen. Niemand zerreißt diesen Faden ganz und gar, es sei denn im Tode, wenn es ihm glückt, seinen eigenen Tod zu sterben. Die meisten Menschen, alle jene von der Herde, haben nie die Einsamkeit geschmeckt. Sie trennten sich einmal von Vater und Mutter, aber nur, um zu einem Weibe zu kriechen und schnell in einer neuen Wärme und Zusammengehörigkeit unterzugehen. Niemals sind sie allein, niemals reden sie mit sich selbst. Den Einsamen aber, wenn er ihnen über den Weg läuft, fürchten und hassen sie wie die Pest, werfen mit Steinen nach ihm und finden keine Ruhe, ehe sie weit von ihm sind. Ihn umgibt eine Luft, die nach Sternen und nach der Kälte der Sternenräume riecht, ach, ihm fehlt all der holde, warme Duft von Heimat und Brutstätte. Zarathustra hat etwas von diesem Sternengeruch und dieser bösen Kälte an sich. Zarathustra ist jenen Weg der Einsamkeit ein gutes Stück weit gegangen. Er ist in der Schule des Leidens gesessen. Er hat die Schmiede des Schicksals gesehen und ist in ihr geschmiedet worden. Ach Freunde, ich weiß nicht, ob ich euch mehr von der Einsamkeit sagen soll. Gerne möchte ich euch verführen, jenen Weg zu gehen, gerne sänge ich euch ein Lied von den eisigen Wonnen des Weltraums. Aber ich weiß, daß wenige diesen Weg ohne Schaden gehen. Es lebt sich schlecht ohne Mutter, ihr Lieben, es lebt sich schlecht ohne Heimat, und ohne Vaterland, und ohne Volk, und ohne Ruhm, und ohne all die Süßigkeiten der Gemeinschaft. Es lebt sich schlecht in der Kälte, und die meisten, die den Weg begannen, sind zugrunde gegangen. Man muß gleichgültig sein gegen das Zugrundegehen, wenn man die Einsamkeit kosten und seinem eigenen Schicksal Rede stehen will. Leichter ist es und süßer, mit einem Volk und mit vielen zu gehen, auch wenn es durchs Elend geht. Leichter ist es und tröstlicher, sich den “Aufgaben” zu widmen, die der Tag und das Volk zu vergeben hat. Seht doch, wie wohl es den Menschen in ihren vollen Straßen ist! Es wird geschossen, und das Leben steht auf dem Spiel, aber jeder mag doch weit lieber bei der Masse sein und in ihr untergehen, als allein draußen in der dunkeln Nacht und Kälte gehen. Aber wie könnte ich euch verführen, ihr Jünglinge! Einsamkeit wird erwählt, so wie Schicksal nicht gewählt wird. Einsamkeit kommt über uns, wenn wir den Zauberstein in uns haben, der das Schicksal anzieht. Viele, allzu viele sind in die Wüste gegangen und haben bei der hübschen Quelle und in der hübschen Einsiedelei das Leben von Herdenmenschen geführt. Andere aber stehen dicht im Gedränge der Tausende, und um ihre Stirnen ist Sternenluft. Aber wohl dem, der seine Einsamkeit gefunden hat, nicht eine gemalte und gedichtete, sondern die seine, die einmalige, die ihm bestimmte. Wohl ihm, der zu leiden weiß! Wohl ihm, der den Zauberstein im Herzen trägt! Zu ihm kommt Schicksal, von ihm kommt Tat.

 

Spartakus

Ihr wollet meine Meinung über jene wissen, die sich nach dem Spartakus nennen lassen. Von allen denen, welche in eurem Vaterlande nun so heftig das Gute wollen und die Zukunft herbeizuführen trachten, machen diese aufständischen Sklaven mir noch immer am meisten Vergnügen. Wie sind sie entschlossen, diese Leute, wie kurz und gerade wählen sie ihren Weg, wie verstehen sie geradeaus zu gehen! Wahrlich, hätten eure Bürger zu ihren andern Talenten einen kleinen, einen kleinsten Teil dieser Kraft, so wäre euer Vaterland gerettet. Es wird indessen nicht von diesen Spartakiaten vernichtet werden. Ist es nicht seltsam, ist es nicht Schicksal, daß diese Leute diesen Namen führen? Sie, die Ungelehrten, die Männer mit der rauhen Arbeitsfaust, sie, die Verächter der Lateiner und Gebildeten, haben sich von einem ihrer Vortänzer einen Namen aufmalen lassen, der nach Historie und Gelehrsamkeit geradezu gen Himmel stinkt! Und sollte der Name, den sie sich so weither und aus so fernen Zeiten herangefischt haben, nicht auch Schicksal bedeuten? Denn das eine ist gut an diesem neuen Namen, diesem so alten Namen, daß er den Wissenden an eine Zeitwende und Untergangsreife gemahnt. Wie jene alte Welt unterging, so muß unsre jetzige Welt untergehen, das will der Name sagen, und er hat recht. Sie muß untergehen, mit allem Schönen und allem Geliebten, das uns an sie band. Aber wie, war es denn Spartakus, der einst die damalige alte Welt vernichtet hat? War es nicht jener Jesus von Nazareth, waren es nicht die Barbaren, war es nicht die blonde Söldnerflut? Nein, Spartakus war ein vortrefflicher Geschichtsheld, er hat wacker an den Ketten gerüttelt, er hat brav das Messer geschwungen. Aber er hat aus Sklaven keine Menschen gemacht, und er hat am Untergang des damaligen Herrentums nur als ein Handlanger teilgehabt. Aber verachtet mir diese Leute mit der rohen Faust und dem Schulmeisternamen nicht! Sie sind bereit, sie ahnen Schicksal, sie sträuben sich nicht gegen den Untergang! Achtet den Geist, der in diesen Entschlossenen lebt! Verzweiflung ist nicht Heldentum – habt ihr das nicht selbst im Kriege erfahren? Aber Verzweiflung ist besser als diese dumpfe Angst des Bürgers, welcher erst dann zum Heldentum greift, wenn er seinen Geldbeutel bedroht sieht! Was sie “Kommunismus” nennen, dies kennen wir ja wohl, dies ist ein altes, allzu altes, etwas komisch gewordenes Rezept aus verstaubten Goldmacherküchen. Achtet nicht auf das, was sie reden! Aber achtet auf das, was sie tun! Diese Menschen sind der Tat fähig, weil sie, wenn auch auf einem anrüchigen Seitenwege, nahe der Schicksalsreife gekommen sind. Ihr habt mehr Möglichkeiten als jene, ihr habt höhere, aber ihr seid noch am Anfang des Weges. Jene sind am Ende, und sie sind euch in der beredten Weise überlegen, ihr Freunde, wie alle zum Untergang Bereiten den Zögernden und Rückständigen überlegen sind.

 

Das Vaterland und die Feinde

Gar zu viel, Freunde, wehklaget ihr mir über den Untergang eures Vaterlandes! Sollte es schon untergehen, es wäre würdiger und mannhafter, wenn es schweigend und ohne Winseln geschähe! Aber wo ist denn der Untergang? Oder heißet ihr “Vaterland” immer noch euren Geldsack und eure Schiffe? Euren Kaiser? Eure Opernherrlichkeit von vorgestern? Wenn ihr das Vaterland nennet, was eure Besten als das Beste an eurem Volke liebten, das, womit euer Volk die Welt bereichert und beglückt hat, dann begreife ich nicht, wie ihr von Untergang und Vernichtung sprechen möget! Ihr verlieret viel, an Geld und an Provinzen, an Schiffen und an Weltmacht. Wenn ihr dies nicht ertragen könnt, so gehet hin und sterbet von eurer eigenen Hand, Fuße eines Kaiserdenkmals, und ich will euch ein Grablied sinn. Aber stehet nicht und flehet wehklagend das Erbarmen der Weltgeschichte an, ihr, die ihr eben noch das Lied vom deutschen Wesen gesungen habt, an dem die Welt genesen soll, stehet jetzt nicht als bestrafte Schulkinder am Wege und rufet das Mitleid der Vorübergehenden an! Könnet ihr Armut nicht ertragen, so sterbet! Könnet ihr euch ohne Kaiser und siegreiche Generale nicht regieren, laßt euch von Fremden regieren! Aber vergesset, ich bitte euch, der Scham nicht völlig! Aber wie, rufet ihr, sind unsre Feinde nicht grausam? Sind sie nicht in ihrem Siege, der der Sieg einer vielfachen Übermacht ist, roh und gemein? Reden sie nicht von Recht und tun Gewalt? Schreiben sie nicht von Gerechtigkeit und meinen Beute und Raub? Ihr habt recht. Ich verteidige eure Feinde nicht. Ich liebe sie nicht. Sie sind, wie ihr auch seid, gemein im Erfolg und voll von Kniffen und Ausreden. – Aber, Freunde, ist dies jemals anders gewesen? Und ist es unsere Sache, das Unabänderliche ewig neu in lauten Klagen festzustellen? Unsere Sache ist, so scheint es mir, unterzugehen wie Männer oder weiterzuleben wie Männer. Nicht aber zu heulen wie Kinder. Unsere Sache ist, unser Schicksal zu erkennen, unser Leid uns zu eigen zu machen, seine Bitterkeit in Süße zu verwandeln, an unsrem Leide reif zu werden. Unser Ziel ist nicht, so schnell wie möglich wieder groß und reich und mächtig zu werden und Schiffe und Heere zu haben. Unser Ziel sei kein Kinderwahn – haben wir nicht gesehen, was es mit den Schiffen und Heeren, mit der Macht und dem Gelde auf sich hat? Ist das schon wieder vergessen? Unser Ziel, deutsche Jünglinge, ist nicht mit Namen und Zahlen zu nennen. Unser Ziel ist, wie es das Ziel jedes Wesens ist, eins mit dem Schicksal zu werden. Sind wir das, so mögen wir groß oder klein sein, reich oder arm, gefürchtet oder belächelt, daran ist nichts gelegen. Lasset darüber die Soldatenräte und geistigen Arbeiter Reden halten! Seid ihr im Krieg und im Leiden nicht zu euch selbst gekommen, nicht wesentlich geworden, wollet ihr nach wie vor das Schicksal ändern, dem Leiden entfliehen, die Reife verschmähen, so gehet unter! Aber ihr verstehet mich, ich sehe es an euren Blicken. Ihr ahnet Trost in den bittern Worten des Alten vom Berge, des alten Bösen. Ihr erinnert euch an Worte, die er euch über das Leid, über das Schicksal, über die Einsamkeit gesagt hat. Spüret ihr nicht in dem Leiden, das euch traf, einen Hauch der Einsamkeit? Ist euer Ohr nicht empfänglicher geworden für die leise Stimme des Schicksals? Spüret ihr nicht, wie euer Schmerz fruchtbar wird? Wie euer Leid Auszeichnung und Mahnruf zum Höchsten bedeuten kann? Nur setzet nicht Ziele, wo die Unendlichkeit vor euch steht! Gebt euch nicht Zwecken hin, eben jetzt, wo das Schicksal alle eure hübschen Zwecke von vorgestern zertrümmert hat! Schämet euch, ich bitte euch darum, doch nicht dessen, daß der Gott zu euch geredet hat! Sehet euch ausgezeichnet, sehet euch berufen, sehet euch auserwählt! Aber nicht auserwählt zu diesem und zu jenem, zu Weltmacht oder zu Handel, zu Demokratie oder Sozialismus! Auserwählt seid ihr, im Leid ihr selbst zu werden, im Schmerz euren eigenen Atem und euren eigenen Herzschlag wiederzugewinnen, den ihr verloren hattet. Auserwählt seid ihr, Sternenluft zu atmen und aus Kindern Männer zu werden. Höret auf mit den Klagen, Jünglinge! Höret auf mit den Kindertränen um den Abschied von der Mutter und vom süßen Brot! Lernet bitteres Brot essen, Brot der Männer, Brot des Schicksals! Sehet, dann wird euch das “Vaterland” wieder erscheinen, das eure besten Ahnen geahnt und geliebt haben. Dann werdet ihr aus der Einsamkeit wiederkehren in eine Gemeinschaft, welche nicht mehr Stall und Brutstätte ist, in eine Gemeinschaft von Männern, in ein Reich ohne Grenzen, in das Reich Gottes, wie es eure Väter nannten. Dort ist Raum für jede Tugend, auch wenn eure Landesgrenzen enge sind. Dort ist Raum für jede Tapferkeit, auch wenn ihr keine Generale mehr habt! Wahrlich, Zarathustra fängt wieder an zu lachen, wenn er so euch Kinder trösten muß!

 

Weltverbesserung

Ein Wort gibt es, ihr Jünglinge, das in eurem Munde mich leicht verdrießlich macht – wenn es mich nicht eher lachen macht! Es ist das Wort von der Weltverbesserung. Ihr sanget dieses Lied in euren Vereinen und Herden gerne, euer Kaiser und alle eure Propheten sangen dieses Lied mit besonderer Liebe, und der Kehrreim des Liedes war der Vers vom deutschen Wesen und vom Genesen. Freunde, wir sollten uns des Urteils darüber enthalten lernen, ob die Welt gut oder schlecht sei, und wir sollten auf diesen seltsamen Anspruch, sie zu verbessern, verzichten. Oft ist die Welt schlecht gescholten worden, weil der, der sie schalt, schlecht geschlafen oder zuviel gegessen hatte. Oft ist die Welt selig gepriesen worden, weil der, der sie pries, eben ein Mädchen geküßt hatte. Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei. Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön! Sei nicht du selbst, sei Lügner und Feigling, so ist die Welt arm und scheint dir der Verbesserung bedürftig. Gerade jetzt, in dieser wunderlichen Zeit, wird das Lied von der Weltverbesserung wieder so heftig gesungen, so heftig gebrüllt. Wie übel und trunken es doch klingt, hört ihr’s nicht? Wie wenig zart, wie wenig glücklich, wie so wenig klug und weise es klingt! Und dies Lied ist wie ein Rahmen, den man um jedes Bild passen kann. Es paßte um den Kaiser und um den Schutzmann, es paßte um eure berühmten deutschen Professoren, um Zarathustras alte Freunde! Dies geschmacklose Lied paßt auf Demokratie und Sozialismus, auf Völkerbund und Weltfrieden, auf Abschaffung des Nationalismus und auf neuen Nationalismus. Es wird euch von euren Feinden gesungen, in einem Chor, wo einer wie der den andern singt, einer den anderen totsingen möchte. Merket ihr nicht: Überall, wo dies Lied angestimmt wird, da sind Fäuste in der Tasche geballt, da geht es um Eigennutz und um Selbstsucht – ach, nicht um jene Selbstsucht des Edlen, der sein Selbst zu erhöhen und zu stählen denkt, sondern um Geld und Geldbeutel, um Eitelkeiten und Einbildungen. Da, wo der Mensch sich seiner Selbstsucht zu schämen beginnt, da fängt er an, von Weltverbesserung zu reden, sich hinter solche Worte zu verstecken. Ich weiß nicht, ihr Freunde, ob die Welt je verbessert worden ist, ob sie nicht immer und ewig gleich gut und gleich schlecht gewesen ist. Ich weiß es nicht, ich bin kein Philosoph, ich habe nach dieser Seite hin zu wenig Neugierde. Dies aber weiß ich: Wenn jemals die Welt durch Menschen verbessert, durch Menschen reicher geworden, lebendiger, froher, gefährlicher, lustiger geworden ist, so ist sie es nicht durch Verbesserer geworden, sondern durch jene wahrhaft Selbstsüchtigen, zu welchen ich auch euch so gerne zählen möchte. Jene ernstlich und wahrhaft Selbstsüchtigen, welche kein Ziel kennen, welche keine Zwecke haben, denen es genügt, zu leben und sie selbst zu sein. Sie leiden viel, aber sie leiden gerne. Sie sind gerne krank, wenn es ihre Krankheit ist, die sie leiden sollen, ihre wohlerworbene, eigene, eigenste. Sie sterben gerne, wenn es ihr Tod ist, den sie sterben dürfen, ihr wohlerworbener, eigener Tod! Durch diese ist vielleicht die Welt zuzeiten verbessert worden – so wie ein Herbsttag verbessert wird durch eine kleine Wolke, durch einen kleinen braunen Schatten, durch einen kleinen raschen Vogelflug. Glaubet nicht, daß die Welt mehr Verbesserung nötig habe, als daß je und je einige Menschen auf ihr wandeln – nicht Vieh, nicht Herde, sondern einige Menschen, einige von den Seltenen, die uns beglücken, so wie ein Vogelflug und ein Baum am Meere uns beglückt – einfach dadurch, daß sie da sind, daß es solche gibt. Wenn ihr ehrgeizig sein wollt, Jünglinge, so geizet nach dieser Ehre! Aber sie ist gefährlich, sie führt durch Einsamkeit, und sie kann leicht das Leben kosten.

 

Vom Deutschen

Habt ihr euch nie darüber besonnen, woher es kommt, daß der Deutsche so wenig geliebt, daß er so sehr, so tief gehaßt, so sehr gefürchtet, so leidenschaftlich gemieden war? War es euch nicht seltsam, zu sehen, wie in diesem Kriege, den ihr doch mit so viel Soldaten und unter so guten Aussichten begannet, wie während diesem Krieg langsam, langsam und unaufhaltsam ein Volk um das andere zu euren Feinden übertrat, euch verließ, euch unrecht gab? Ja, ihr habt es bemerkt, mit tiefem Unwillen, und waret stolz darauf, so verlassen, so allein, so mißverstanden zu sein. – Aber höret, ihr waret nicht mißverstanden! Ihr waret es selbst, welche nicht verstandet, welche Irrtümern unterlaget. Ihr jungen Deutschen habt euch immer gerade mit den Tugenden gebrüstet, die ihr nicht hattet, und habt an euren Feinden die Laster am meisten gescholten, die sie von euch gelernt hatten. Ihr sprachet immer von “deutschen” Tugenden, die Treue und andre Tugenden hieltet ihr beinahe für Erfindungen eures Kaisers oder Volkes. Ihr waret aber nicht treu. Ihr waret untreu, euch selber treu, und das allein ist es, was euch den Haß der Welt zugezogen hat. Ihr saget: nein, es war unser Geld, es waren unsre Erfolge! Und vielleicht meinte der Feind es auch so, wie ihr in eurer Krämerlogik rechnet. Aber die Gründe liegen immer etwas tiefer als unser Meinen, und gar als ein gewisses flaches, rasches Fabrikantenmeinen. Mochten die Feinde euch euer Geld mißgönnen, mochte das sie neidisch machen! Aber es gibt auch Erfolge, die keinen Neid erregen, denen die Welt zujubelt. Warum habt ihr nie solche Erfolge gehabt, warum immer nur jene andern? Weil ihr euch selber untreu waret. Ihr spieltet eine Rolle, die nicht die eure war. Ihr hattet aus den “deutschen Tugenden” mit Hilfe eures Kaisers und mit Hilfe Richard Wagners ein Opernwesen gemacht, das niemand in der Welt ernst nahm als ihr selber. Und hinter dem hübschen Geflunker dieser Opernpracht ließet ihr alle eure dunkeln, alle sklavischen, alle großmannssüchtigen Instinkte wuchern und treiben. Ihr hattet immer Gott im Munde, und dabei die Hand am Geldbeutel. Ihr sprachet immer von Ordnung, Tugend, Organisation, und meintet damit das Geldverdienen. Und ihr verrietet euch gerade dadurch, daß ihr bei den Feinden stets denselben Schwindel zu sehen glaubtet! Hört, hieß es bei euch immer, hört, wie sie von Tugend und Recht reden, und seht, wie sie’s in Wirklichkeit meinen! Ihr sahet einander zwinkernd in die Augen, wenn ein Engländer oder ein Amerikaner schöne Reden hielt, und euer Zwinkern wußte, was hinter solchen Reden zu stecken pflegt. Woher wußtet ihr denn das so genau, wenn nicht aus dem eigenen Herzen? Scheltet nur darüber, daß ich euch weh tue! Ihr seid so gar nicht gewöhnt, daß euch weh getan wird, ihr seid so sehr daran gewöhnt, euch untereinander recht zu geben. Zum Unrechthaben, zum Bösereden, zum Abladen unfreundlicher Triebe war ja der Feind da. Aber ich sage euch: man muß Weh tun und Weh leiden können, wenn man auf der Seite des Lebens stehen und in der Welt sich halten will. Die Welt ist kühl und ist kein heimatlicher Brutort, wo man in ewiger Kindheit in geborgener Wärme sitzt. Die Welt ist grausam, sie ist unberechenbar, sie liebt nur Starke und Gewandte, sie liebt die, die sich selber treu bleiben. Alles andere hat in ihr nur kurzlebige Erfolge – solche Erfolge, wie ihr sie seit dem geistigen Niedergang Deutschlands mit euren Waren und Organisationen hattet! Wo sind sie hin? Nun aber ist es vielleicht Zeit für euch. Vielleicht ist die Not groß genug, euren Willen zu spannen – nicht zu neuer Tuerei und neuer Flucht vor dem heimlichen Sinn des Lebens, sondern zur Mannheit, zum Glauben an euch selbst, zur Wahrheit und Treue gegen euch selbst. Denn dies, ihr Freunde, muß euch doch durch all mein Schelten und Bösereden hindurchgeklungen und -geleuchtet haben: daß ich euch liebe, daß ich ein gewisses Vertrauen zu euch habe, daß ich Zukunft bei euch wittere – und glaubt mir, ich habe eine feine, eine vielmal bewährte Spürnase, ich alter Einsiedler und Wettermacher. Ja, ich glaube an euch – ich glaube an etwas in euch, an etwas im Deutschen, zu dem ich eine alte und tiefe Liebe im Herzen trage. Ich glaube in euch an etwas, was noch nicht zu sehen ist, an eine Zukunft, an Möglichkeiten, an ein lockendes, hinter hundert Wolken blitzendes Vielleicht. Gerade darum glaube ich daran, weil ihr noch Kinder seid und soviel Kinderei betreibet, weil ihr diese lange, gar so lange Kindheit mit euch herumtraget. Ach, daß diese Kindheit einmal Mannheit würde! Daß diese Leichtgläubigkeit einmal Vertrauen, diese Zärtlichkeit Güte, diese Sonderbarkeit und Empfindlichkeit Charakter und Manneseigensinn würde! Ihr seid das frömmste Volk der Welt. Aber was für Götter hat eure Frömmigkeit sich erschaffen! Kaiser und Unteroffiziere! Und an ihrer Stelle nun diese neuen Weltbeglücker! Möchtet ihr lernen, den Gott in euch selbst zu suchen! Möchtet ihr vor dem geheimen Etwas, vor dieser Zukunft in euch einst soviel Ehrfurcht empfinden, wie ihr sie vor Fürsten und Fahnen empfandet! Möchte eure Frömmigkeit einmal nicht mehr auf den Knien liegen, sondern aufrecht auf starken, auf männlichen und gestählten Füßen stehen!

 

Ihr und euer Volk

Noch immer, Freunde, seid ihr mißtrauisch und schauet mich oft von der Seite an, und ich weiß, was euch an mir mißfällt und scheu macht: Ihr fürchtet, der Rattenfänger Zarathustra lockt euch hinweg von eurem Volke, das ihr liebt und das euch heilig ist! Ist es nicht so? Habe ich euch gut erraten? Zwei Lehren gibt es bei euren Lehrern und in euren Büchern: die eine lehrt, daß das Volk alles, der einzelne aber nichts ist; die andere dreht den Satz um. Zarathustra aber ist nie ein Lehrer gewesen, eure Lehren sind ihm höchstens ein Anlaß zu Gelächter. Liebe Freunde, ihr habt nicht die Wahl, ob ihr Volk sein oder einzelne sein wollet! Es ist gesorgt, es ist gut dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen! In den Himmel der Einsamkeit, in den Himmel der Mannheit hinein ist noch keiner gewachsen, weil er in einem Buch davon gelesen und sich dafür entschieden hat! Wenn ich euch aber frage, ihr Jünglinge: Was ist es denn, wonach euer Volk so sehr Verlangen hat? Was ist seine Not? So werdet ihr sagen: Unser Volk braucht Taten, unser Volk braucht Männer, welche nicht nur zu reden, sondern Taten zu tun verstehen! Wohlan denn, Freunde, ob ihr es nun euretwegen oder eures Volkes wegen tun möget – vergeßt mir nicht, woher denn die Taten kommen, woher der kühle, der freudige und mannhafte Morgen- und Eigensinn, aus dem die Taten springen wie die Blitze aus der Wolke. Habt ihr es schon vergessen? Fällt es euch wieder ein? Freunde, das, was euer Volk und jedes Volk bedarf, das sind Männer, welche gelernt haben, sie selbst zu sein, welche ihr Schicksal erkannt haben. Sie allein werden zum Schicksal ihres Volkes. Sie allein sind nicht mit den Reden und den Erlassen und dem ganzen ängstlichen und verantwortungslosen Beamtentum zufrieden. Sie allein haben den Mut, haben den Übermut, haben die gute, die wohlgeschaffene, gesunde, frohe Laune, aus welcher die Taten kommen. Ihr Deutsche seid mehr als jedes andere Volk an das Gehorchen gewöhnt. Euer Volk hat so leicht, hat so überaus gerne und freudig gehorcht, keinen Schritt mochte es tun, ohne dabei die Befriedigung zu fühlen, daß damit ein Gebot erfüllt, eine Vorschrift befolgt sei. Mit Gesetzestafeln und namentlich mit Verbotstafeln war euer gutes Land bedeckt wie mit einem Walde. Wie müßte dies Volk erst gehorchen, wenn es nach so langer, langer Pause und müder Wartezeit einmal wieder Mannesstimmen vernähme? Wenn es einmal wieder statt Erlaß und Vorschrift den Ton der Kraft und der Überzeugung vernähme? Wenn es wieder einmal Taten sähe, die nicht allergnädigst befohlen und allerergebenst ausge-führt werden, sondern heiter und gesund aus dem Haupt ihres Vaters springen, hell und gewappnet wie jene Göttin der Griechen? Denket je und je daran, Freunde, und vergeßt es nicht, was es ist, danach euer Volk lechzt und dürstet! Und vergesset nicht, daß Tat und Mannheit nicht in Büchern und nicht in Volksreden wächst. Sie wächst auf Bergen, und der Weg dahin führt durch Leid und Einsamkeit, durch gern getragenes Leid, durch freiwillige Einsamkeit. Und, allen euren Volksrednern entgegen, rufe ich euch zu: Es eilt nicht so sehr! Jene alle rufen euch aus allen Ecken an: “Eilet! Laufet! Entscheidet euch in der Minute! Die Welt brennt! Das Vaterland ist in Gefahr!” Aber glaubet mir: das Vaterland wird nicht Not leiden, wenn ihr euch Zeit lasset, wenn ihr euern Willen, euer Schicksal, eure Tat austraget und reif werden lasset! Die Eilfertigkeit hat, ebenso wie die Freude am Gehorchen, zu den deutschen Tugenden gezählt, welche keine sind. Kinder, lasset die Köpfe nicht so herabhängen! Machet den alten Zarathustra nicht lachen! Ist es denn ein Unglück, daß ihr in frische, stürmische, brausende Zeiten hineingeboren seid? Ist denn das nicht euer Glück?

 

Der Abschied

Und nun, Freunde, nehme ich Abschied von euch. Und ihr wisset es ja schon, wenn Zarathustra von seinen Zuhörern Abschied nimmt, so pflegt er sie nicht zu bitten, sie möchten ihm treu bleiben und in artiger Schülerschaft verharren. Ihr sollet Zarathustra nicht anbeten. Ihr sollet Zarathustra nicht nachahmen. Ihr sollet nicht Zarathustras werden wollen! In einem jeden von euch ist eine verborgene Gestalt, die noch im tiefen Kindesschlummer liegt. Lasset sie lebendig werden! In einem jeden von euch ist ein Ruf, ein Wille und Wurf der Natur, ein Wurf nach der Zukunft, nach dem Neuen und Höhern hin. Lasset ihn reif werden, lasset ihn ausklingen, traget Sorge um ihn! Eure Zukunft ist nicht dies oder das, ist nicht Geld oder Macht, ist nicht Weisheit oder Gewerbeglück – eure Zukunft und euer schwerer, gefährlicher Weg ist dieser: reif zu werden und Gott in euch selbst zu finden. Nichts ist euch, deutsche Jünglinge, schwerer gemacht. Stets habt ihr Gott gesucht, aber niemals in euch selbst. Er ist nirgends sonst. Es gibt keinen andern Gott, als der in euch ist. Wenn ich einmal wiederkehren sollte, meine Freunde, dann wollen wir von andern Dingen reden, von hübschern, von frohern. Wir wollen dann, so erhoffe ich es mir, beisammensitzen und miteinander wandeln wie Männer, einer stark und er selbst neben dem andern, jeder auf nichts in der Welt vertrauend als auf sich selbst und auf das Glück, das den Starken und Wagehälsen gewogen ist. Gehet nun und suchet eure Gassen mit den vielen Rednern wieder auf. Vergesset, was der alte Fremdling vom Gebirge euch gesagt hat. Zarathustra ist nie ein Weiser gewesen. Er ist immer ein Spaßvogel und launischer Wanderer gewesen. Lasset euch von keinem Redner und von keinem Lehrer einen Vogel ins Ohr setzen, er heiße, wie er wolle. Es gibt in jedem von euch nur einen, nur seinen, nur seinen einzigen, eigenen Vogel, auf den zu hören ihm not tut. Dies sage ich euch zum Abschied: Höret auf den Vogel! Höret auf die Stimme, die aus euch selber kommt! Wenn sie schweigt, diese Stimme, so wisset, daß etwas schief steht, daß etwas nicht in Ordnung ist, daß ihr auf dem falschen Wege seid. Singt und spricht er aber, euer Vogel – oh, dann folget ihm, folget ihm in jede Lockung und noch in die fernste und kälteste Einsamkeit und in das dunkelste Schicksal hinein!

(Geschrieben im Januar 1919, anonym erschienen unter dem Titel “Zarathustras Wiederkehr”. Ein Wort an die deutsche Jugend. Von einem Deutschen. Stämpfli, Bern,1919) Der Flugschrift war folgendes Motto von Nietzsche vorangestellt:
“Jenes verborgene und herrische Etwas, für das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsere Aufgabe erweist – dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare Tätigkeit, falls sie uns von unserer Hauptsache ablenkt – ja, für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krankheit ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unserm Recht auf unsere Aufgabe zweifeln wollen, wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zugleich! Unsere Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büßen müssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als wir je vorher belastet waren … “