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Zur Lage

 

 

 

 

Gerade das ist unser Vorrecht und unser Adel, dass wir Skrupel haben, dass wir nicht alles für erlaubt halten, dass wir das Hassen und Töten und alle übrige Sauerei nicht auch noch mitmachen. Hier fängt jede Kultur an, jede Beseelung des an sich viehischen  Lebens, auch jede Möglichkeit zur Kunst, zur Religion, zu allem geistigen Wert.

 Herman Hesse, Januar 1933

Armes Deutschland

 

Die allgemeine Aufregung ist groß. Die Frauenriege der AfD, v. Storch und Petry, hat den Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge, die illegal die deutsche Grenze überschreiten – auch gegen Frauen und, wenn es nach v. Storch ginge, auch Kinder. Nun gut, v. Storch hat dann die Kinder von der Abschussliste gestrichen; aber auf Frauen darf weiter das Feuer eröffnet werden, ginge es nach ihr. Schon eine interessante Aussage für eine bekennende radikale Christin – oder eben auch nicht.

Natürlich, es ist ja Wahlkampf, im März wird in drei Bundesländern gewählt, und inzwischen hat auch Frau Petry ihre Aussage zurückgenommen. Doch wenn die Worte einmal das Gehege der Zähne verlassen haben, stehen sie im Raum. Da man es hier mit Menschen zu tun hat, die man als einigermaßen intelligent einstufen kann, sollte man schon unterstellen dürfen, dass ihre Aussagen ernst gemeint sind, aller nachgeschobenen Dementis zum Trotz.

Die AfD steht heute in Umfragen bei  bundesweit 12 Prozent Wähleranteil; in den östlichen Bundesländern sogar bei 15 Prozent. Man muss also ernst nehmen, was die Parteispitze so von sich gibt. Man sollte sich auch der Deutschtümelei eines Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender aus Thüringen, erinnern, der sich für die Beschwörung “deutscher Kultur” eines Wortschatzes bedient, der – zumindest teilweise – dem Wörterbuch des Unmenschen, also dem Wortschatz der Demagogen  des Dritten Reiches, entlehnt ist. Da ist es nur natürlich, dass wir uns gegen den Ausbreitungstyp des Afrikaners notfalls auch mit der Waffe erwehren müssen – also Feuer frei!

Nun ist das Gejammer der deutschen Politiker, ich meine der etablierten Politiker, groß. Wie konnte es dazu kommen, dass eine so rechte Partei einen solchen Zuspruch findet? Nun ja, da muss man sich schon an die eigene Nase fassen. Wenn man die Wuzeln des Übels sucht, sollte man bei der SPD und den Grünen und ihrer Hartz IV-Gesetzgebung (Agenda 2010) beginnen. Diese Parteien haben durch ihre Gesetzgebung dem neoliberalen Kapitalismus hier Tür und Tor geöffnet, stets zugunsten der Kapitalisten. Und um Freund Maschmeier und der privaten Versicherungswirtschaft zu gefallen, haben Schröder und Riester auch gleich noch das staatliche Rentensystem ruiniert. Alle diese Maßnahmen gingen zu Lasten der Mittel- und Unterschicht der Bevölkerung. Der sich über die Jahre dann angestaute Zorn dieser Menschen entlädt sich nun in Wählerstimmen für die AfD. Und war es nicht Sigmar Gabriel, der eine Pegida-”Informationsveranstaltung” in Dresden besuchte, weil man ja mit den Menschen sprechen müsse? Weil man sich ihre “berechtigten Sorgen” anhören müsse? Nun gut, er war nicht der einzige etablierte Politiker, der sich so äußerte, aber sicher der bekannteste. Später hat er diese Leute dann als “Pack” beschimpft, Pack, das seine Partei – wenn auch nicht allein – selber mit großgezogen hat.

Und dann gibt es auch noch die Vorfälle in Köln, diese Anschubfinanzierung für die AfD. Die Informationspolitik der dortigen Polizei war wohl das, was man neudeutsch als suboptimal bezeichnet, also verheerend. Ja, die Polizei hat in der Silvesternacht auf ganzer Linie versagt, und ja, man hätte schon viel früher gegen diesen Sumpf krimineller Maghrebiner vorgehen müssen. Aber diese Vorgänge nun zum Anlass zu nehmen, um unser ganzes Rechts- und Polizeisystem in Frage zu stellen, ja, gar von einem “Wendepunkt” zu sprechen, ist doch bei weitem überzogen. Jetzt ist plötzlich wieder von der “german angst” die Rede, Pfefferspray ist ausverkauft, der kleine Waffenschein der Renner der Saison. Ein Volk, das zwei Weltkriege geführt hat, das im letzten dieser Kriege fast ganz Europa in Trümmern legte, bewaffnet sich mit Pfefferspray, verfällt in Angststarre? Das ist wirklich ein erbärmliches Bild, das wir Deutschen hier abgeben! Wenn man nun schon so viel über die deutschen Tugenden schwadroniert, dann sollte man doch eine Haupttugend auch mal leben, die da lautet: Timebo nihil mali – ich werde niemals Angst haben. Denn Angst, das wissen wir, frisst Seelen auf.

Wenn man über die Deutschen spricht, sollte man auch etwas über sie wissen und nicht, wie der Oberstudienrat Höcke (wie der dazu gekommen ist, sollte die hessische Schulbehörde auch einmal prüfen), nur Halbwissen verbreiten. Vielleicht sollte er einmal Richard Wagners Schrift “Was ist Deutsch?” von 1865 lesen oder die Anmerkungen von Nietzsche über uns. Der schreibt (Jenseits von Gut und Böse, Achtes Hauptstück, Völker und Vaterländer):

“Wir “guten Europäer” – auch wir haben Stunden, wo wir uns eine herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und Engen gestatten … , Stunden nationaler Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand anderer altertümlicher Gefühls-Überschwemmungen. Schwerfällige Geister, als wir sind, mögen mit dem, was sich bei uns auf Stunden beschränkt und in Stunden zu Ende spielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden, in halben Jahren die Einen, in halben Menschenleben die Anderen, je nach der Schnelligkeit und Kraft, mit der sie verdauen und ihre “Stoffe wechseln”. Ja, ich könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche auch in unserm geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nötig hätten, um solche atavistische Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden und wieder zur Vernunft, will sagen zum “guten Europäertum” zurückzukehren.”

Und dann, als Schlusssatz, dies: ” … was ich von den Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von Übermorgen – sie haben noch kein Heute.”

Die AfD und die, die ihren kruden Thesen folgen, sind von Vorgestern, und sie haben kein Übermorgen!

NB. Der deutsche Innenminister ist gerade – 01.02.16 – in Afghanistan. Kaum angekommen, explodierte nicht weit von seinem Standort eine Bombe; Selbstmordattentäter der Taliban. Doch de Maizière schwatzte in einem Interview im heute-journal darüber, dass Afghanistan ja sichere Gebiete kennt und die Attentate “nur” Funktionsträger träfen. Dabei waren die 20 Toten des gerade erlebten Attentats in ihrer Mehrzahl unbeteiligte Zivilisten. Was für ein ekelhafter Dampfplauderer! Dieser Versager, man denke nur an seine Drohnen-Affäre als Verteidigungsminister (geschätzter Schaden für den Steuerzahler: nur 600 Millionen Euro), dieser Rohrkrepierer also will uns erzählen, dass man in Afghanistan ohne Angst leben könne. Man möchte, das ist ja der Hintergrund, die Afghanen, die bei uns Asyl suchen, abschieben, natürlich in die “sicheren Gebiete”, die es leider, leider nicht gibt. 13 Jahre haben wir, in einer Koalition mit den USA und anderen Staaten, vergeblich versucht, die Taliban niederzukämpfen. Es wurden Milliarden an Dollar und Euro ausgegeben, ohne dass man diesem Ziel nähergekommen wäre. Das meiste Geld versickerte und versickert in einem Sumpf von Korruption und Vetternwirtschaft. Wir haben es in diesem Jahrzehnt nicht geschafft, Afghanistan auch nur in Teilen zu modernisieren, geschweige denn zu demokratisieren; noch heute werden Leute, die vom Islam zum Katholizismus oder anderen Religionen konvertieren wollen, mit dem Tode bestraft. Anscheinend sieht man das in Berlin als Folklore. Ja, wir haben es noch nicht einmal geschafft, die Todesstrafe dort abzuschaffen! Es ist noch wie zu Zeiten der Taliban. Und wie beschämend sich unsere Regierung benimmt, kann man daran sehen, dass man selbst den Afghanen, die für die Bundeswehr vor Ort gearbeitet haben und die nun von den Taliban an Leib und Leben massiv bedroht sind, Asyl verweigert. Und da wundern sich die Bundespolitiker, dass ihr Ansehen so tief gesunken ist?